Brief
An Johann Daniel Salzmann (28. November 1771)
Sie kennen mich so gut, und doch wett ich Sie rathen nicht warum ich nicht schreibe. Es ist eine Leidenschafft, eine ganz unerwartete Leidenschafft, Sie wissen wie mich dergleichen in ein Cirkelgen werfen kann, daß ich Sonne, Mond und die lieben Sterne darüber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissens lang, und koste was es wolle, ich stürze mich drein. Diesmal sind keine Folgen zu befürchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen worüber Homer und Schäkespear und alles vergessen worden. Ich dramatisire die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines braven Mannes, und die viele Arbeit die mich's kostet, macht mir einen wahren Zeitvertreib, den ich hier so nöthig habe, denn es ist traurig an einem Ort zu leben wo unsre ganze Wirksamkeit in sich selbst summen muß. Ich habe Sie nicht ersetzt, und ziehe mit mir selbst im Feld und auf dem Papier herum. In sich selbst gekehrt, ist's wahr, fühlt sich meine Seele Essorts die in dem zerstreuten Strasburger Leben verlappten. Aber eben das wäre eine traurige Gesellschafft, wenn ich nicht alle Stärke die ich in mir selbst fühle auf ein Objekt würfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir möglich, und was nicht geht, schlepp ich. Wenn's fertig ist sollen Sie's haben, und ich hoffe Sie nicht wenig zu vergnügen, da ich Ihnen einen edlen Vorfahr (die wir leider nur von ihren Grabsteinen kennen) im Leben darstelle. Dann weiß ich auch Sie lieben ihn auch ein bisgen weil ich ihn bringe.
Sehr einfach wie Sie sehen ist meine Beschäftigung, da meine Praxis noch wohl in Nebenstunden bestritten werden kann. Wie oft wünsch ich Sie um Ihnen ein Stückgen Arbeit zu lesen, und Urteil und Beyfall von Ihnen zu hören.
Sonst ist alles um mich herum todt. Wie viel Veränderungen dennoch mit mir diese Monate vorgegangen, können Sie ahnden, da Sie wissen wie viel Papier zum Diarium meines Kopfs zu einer Woche gehörte.
Frankfurt bleibt das Nest. Nidus wenn Sie wollen. Wohl, um Vögel auszubrüteln, sonst auch figürlich spelunca ein leidig Loch. Gott helf aus diesem Elend Amen.
Ich suchte Ihren Brief vom 5. Oktober und fand noch eine Menge die zu beantworten sind. Lieber Mann, meine Freunde müssen mir verzeihen, mein nisus vorwärts ist so stark, daß ich selten mich zwingen kann Athem zu holen, und rückwärts zu sehen, auch ist mirs immer was trauriges, abgerissene Faden in der Einbildung anzuknüpfen.
Hr. Silbermann hat mir das Münsterfundament geschickt. Danken Sie ihm vielmal und versichern Sie ihn aller Ergebenheit die ich seiner sonderbaren Gefälligkeit schuldig bin.
Mit den Rissen mag es anstehen.
Wollten Sie so gütig seyn das Manuscript der Comoedie von O-Ferol oder wer es sonst hat zurück zu nehmen, (wenn's die Leute nicht mehr brauchen) und unter meiner adresse versiegelt an Hrn. H. zu schicken.
Grüßen Sie Lersen und Jungen; ich hab ihre Briefe erhalten. Sie sollen mich lieb behalten.
Goethe.
am 28. November 1771.
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