Normalzeugnis Zeugnis

Herder an Carl August 8. 9. 1786 (SchrGG 2, 368)

Die Damen haben mir aufgetragen, der ungeschickte Prologus einer Dankadreße zu seyn ... Ich kann ... dieser Rolle nicht besser ein Gnüge thun, als wenn ich nach Art des Prologus historisch verfahre und gleich von dem Augenblicke anfange, da wir an jenem schönen Morgen auf der Höhe jenes saubern hirschgerechten Wirthshauses Euer Durchlaucht das Lebewohl sagten, Sie sich auf Ihr Roß schwingen sahen und gleich darauf wieder zur Stadt herabrollten ... Der Weg war uns so kurz geworden, daß wir, ehe wirs uns versahen, vor der Thür des Evangelisten Markus Goethe angelangt waren und sein höchstes Erstaunen erweckten, da er uns vor 7. Uhr Morgens um den Tisch sitzen sah und um Frühstück pochen hörte. Da es eben Göthens Geburtstag war, so sann man auf Feierlichkeiten zu demselben, denen zu gut meine Frau von der Begleitung zurückgeblieben war, um in aller Frühe ein prächtiges Gemälde zu bestellen, das die Hauptdecoration seyn sollte. Auf demselben sollte der feierliche Schuhu nebst dem beredten Papagei und andern Vögeln zu schauen seyn, den schwarzen Adler nicht ausgenommen und die Fräulein Asseburg übernahm es, dem Papagei eine wohlgesetzte Rede in den Mund zu geben, wie sie sich für den Epops maximus zur Feier dieses Tages schickte. Sie hielt Wort: das Gemälde langte an, an welchem nichts bedauert wurde, als daß der Papagei zu klein gerathen war und nun gings an die Fabrik des Altars. Die Baumeisterin desselben war meine Frau, die zwo prächtige von oben bis unten mit unverwelklichem Laube umwundene Säulen zu Stande brachte, über die insonderheit die Anne Marie Aloysia Gräfin Lanthieri? mit lautem Geschrei auffuhr und voll Verwunderung ausrief: vna colonna! vna colonna! bellissima colonna! alle übrige Zierrathen, Kränze, Devisen und dgl. waren in großem Geschmack und derselben würdig. Nun legten die Damen ihre Geschenke und Sprüche auf den Altar: das Schattenbild des Gebohrnen paradirte in der Mitte. Das trefliche Gemählde der Vögel nebst der erhabnen Rede des Papageien prangten als Altarblätter drüber: vier Schneeweiße Priesterinnen mit Eichenlaub bekränzt, unter welchen die Gräfin Lanthieri die Hohepriesterinn war, standen sanft verschlungen zu beiden Seiten des Altars: Augustulus Momyllus August Herder war als Meßknabe zugeordnet und so ward der Neugebohrne am hohen Mittage in den Elephanten geführt und bei Leibesleben vor den Altar gestellt, vor welchem ihm sehr viele Artigkeiten gesagt wurden. Man schritt, wie es bei religiösen Handlungen gewöhnlich ist, bald darauf zur Mahlzeit, bei welcher die Priesterinnen sich aber ihre Kränze nicht rauben ließen, sondern mit vielen heiligen Segenswünschen, bei welchen Euer Durchlaucht auch nicht vergessen wurden, die Tafel zierten.

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