Normalzeugnis Zeugnis
H. Steffens, Was ich erlebte (Steffens 4, 97)
Die Familie des berühmten Anatomen Loder gehörte auch zu denen, die mich freundlich aufgenommen hatten. Sein Geburtstag 28. Febr. nahete, und man wünschte diesen Tag durch ein Schauspiel zu feiern; man wählte den „Schauspieler wider Willen“, und meine große Beweglichkeit erweckte die Ver- muthung, daß ich wohl fähig wäre, die Hauptrolle zu übernehmen ... Das Theater war errichtet; wiederholte Proben fanden statt; ich war nicht bloß der Hauptschauspieler, sondern auch Regisseur ... Gebildete Frauen hatten Rollen übernommen. Die Hauptrolle enthält bekanntlich eine Menge deklamatorische Stellen aus verschiedenen Dramen; die in dem Stück vorkommenden waren meist veraltet und unbedeutend. Ich vertauschte sie mit übertrieben deklamatorischen Stellen aus Iffland’schen und Schiller’schen Stücken. Von Schiller hatte ich, so viel ich mich erinnere, einen Monolog aus Fiesko gewählt, in welchem der verzweifelte Held ausruft: „Hätte ich das Weltall zwischen diesen meinen Zähnen, ich wollte es zerkauen, bis es aussähe, scheußlich wie mein Schmerz!“ Eine andere Stelle war aus Kabale und Liebe genommen, wo der verzweifelnde Held sich in der Hölle findet, mit dem tyrannischen Fürsten Rad an Rad geflochten, grinsend, Zähne fletschend. –
Die Tage der Proben gingen vorüber; wir waren zur General-Probe versammelt: da trat auf einmal Göthe herein. Er hatte freundlich, wie er bei solchen Gelegenheiten immer war, versprochen, die General-Probe zu leiten; mir hatte man es verborgen gehalten. Nachdem er die Frauen begrüßt hatte, ging er auf mich zu, sprach mich freundlich und gütig als einen Bekannten an. „Ich habe,“ sagte er, „lange erwartet, Sie einmal in Weimar bei mir zu sehen; ich habe Vieles mit Ihnen zu sprechen, Ihnen Vieles mitzutheilen. Wenn diese Tage verflossen sind, werden Sie mich, wie ich hoffe, begleiten.“ Wer war glücklicher wie ich. Es war mir, als wäre ich jetzt erst heimisch geworden in Jena. Ich jubelte, und der frohe Jubel einer übermüthigen Stimmung ergoß sich in mein Spiel. Hier und da gab Göthe einen guten Rath, und mir schwebten auf eine wunderbar heitere Weise die dramatischen Auftritte in Wilhelm Meister vor der Seele, die sich nun hier durch den großen Verfasser zu verwirklichen schienen. Als ich die Stellen aus den Schiller’schen Stücken deklamirt hatte, trat Göthe freundlich auf mich zu. „Wählen Sie doch,“ sagte er, „andere Stücke; unsern guten Freund Schiller wollen wir doch lieber aus dem Spiele lassen.“ – Es war seltsam, daß weder ich, noch die Mitspieler etwas Anstößiges bei dieser Wahl gefunden hatten. Einfluß auf sie hatten wohl zum Theil die Urtheile der Gebrüder Schlegel über Schiller, die nicht selten hart waren. Dennoch konnte ich mit Wahrheit die erste Veranlassung zu dieser Wahl als Entschuldigung anführen. Ich hatte nämlich diese doch offenbar extravaganten Stellen auf dem Hamburger Theater von einem Schauspieler Herzberg oder Herzfeld auf die übertriebenste Weise darstellen sehen, und ahmte ihm nach. Indessen erbot ich mich auf der Stelle, Kotzebue zu wählen statt Schiller.
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