Brief

Von Johann Bernhard Wilbrand (24. Oktober 1823)

W. übersende beiliegend sein "Handbuch der Botanik nach Linnés System" (Ruppert 5270) mit der Bitte, G. möge diesem die gleiche Aufmerksamkeit schenken wie W.s übrigen Schriften. Ausführliche Beschreibung seiner Lehrtätigkeit in Gießen, wobei er sich auf das "Handbuch" ebenso stütze wie auf seine Werke "Darstellung der gesamten Organisation" und "Gemälde der organischen Natur" (mit A. Ritgen). Im Sommersemester lehre W. die Principien der Naturphilosophie unter Verwendung seiner Werke "Physiologie des Menschen" und "Über den Ursprung und die Bedeutung der Bewegung auf Erden". Falls G. frage, warum er in der Lehre vom linnéischen Sexualsystem ausgehe, so habe ihn die Erfahrung gelehrt, dass dem Anfänger wie dem Kinde ein Gängelband willkommen sei. - W.s "Handbuch der Botanik" sei, ohne die Verdienste von K. Batsch (? vgl. "Botanische Bemerkungen") schmälern zu wollen, das erste in Deutschland gewesen, dass auf die Einheit der Vegetation hingewiesen habe. Seine Thesen spiegelten sich auch im "Gemälde der organischen Natur" und der "Darstellung der gesamten Organisation" wider. - L. de Jussieus natürliches System (vgl. "Genera plantarum secundum ordines naturales disposita") sei dagegen nur scheinbar natürlich, da es nur Verzweigungen des Pflanzenreichs darstelle. A. P. de Candolle (vgl. "Théorie élémentaire de la botanique") und R. Brown (vgl. "Vermischte botanische Schriften") hätten diese Pflanzenfamilien lediglich in mehrere zerrissen, wofür ihnen einige deutsche Botaniker, besonders C. G. Nees, Weihrauch streuten. Ausführliche Argumentation W.s und Erläuterung seiner Theorie, alles Leben ließe sich auf eine geradlinige Entwicklung zurückführen. - Zum Verhältnis zu Nees, den er 1818 in Erlangen kennengelernt habe. Damals habe er geglaubt, die freundschaftlichsten Verhältniße anknüpfen zu können, aber dieser habe sein Vertrauen missbraucht. W. habe ausführlich über die Rezension K. A. Rudolphis von W.s "Darstellung der gesamten Organisation" in der JALZ (1810, Nr. 10; vgl. RA 9, Nr. 184) gesprochen. Er habe ihm zudem sein Werk "Das Gesetz des polaren Verhaltens in der Natur" und sein "Handbuch der Botanik" zugesandt, um dann über den Buchhandel Nees' "Handbuch der Botanik" zu erhalten, in dem er W.s Erkenntnisse verwendet und als eigene bezeichnet habe, ohne W. zu erwähnen. Gleichzeitig habe Nees' College A. Goldfuß den physiologischen Theil seiner Zoologie ("Handbuch der Zoologie") aus W.s "Physiologie des Menschen" fast wörtlich abgeschrieben, ohne W. auch nur mit einer Sylbe zu erwähnen, während er 24 andere physiologische Schriften nannte. Als W. diese Vorgänge öffentlich gemacht habe, habe Nees erklärt, W.s Schriften nicht gekannt und die zugesandten Bücher nicht gelesen zu haben. E. Meyer, der Nees' Schrift in den "Göttingischen gelehrten Anzeigen" (1822, Nr. 84) besprochen habe, habe in einem Brief an W. zugeben müssen, dessen Schrift nicht zu kennen. Die Empörung darüber, wie auf solcher Grundlage Wissenschaft betrieben werden könne, habe W. veranlasst, die Vorgänge öffentlich zu machen ("Einiges über die Bemerkungen des Herrn Nees von Esenbeck und Goldfuß", in: "Isis" 1821, H. 10). - W. überlasse G. das Urteil darüber, wie Nees' Handlungen zu bewerten seien. - Bitte um weiteres Wohlwollen G.s.

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