Normalzeugnis Zeugnis

Böttiger an F. Vieweg 16. 1. 1797 (Dreyer S. 147)

Göthe ging nach seiner Rückkunft von Dessau und Leipzig auf einige Tage nach Jena, vermuthlich um den armen Schiller zu berathen, der nun auf Reichards Ausforderung gegen die Xenien nicht antworten wird. So bald er zurück war, legte ich ihm Ihre und Gentzens edle Erklärung vor. Das ist etwas! sagte er. Mit diesem Manne möcht ich wohl zu thun haben! Nun kam es auf den Hauptpunkt, das Honorar. Ich will mich nicht kompromittiren, sagt er, aber auch dem Verleger nicht wehe thun. Nun theilte er mir den Gedanken mit, der auf beifolgendem von ihm eigenhändig unterschriebenen Zettel des weiters zu lesen ist. Das versiegelte Billet mit dem eingesperrten Goldwolf liegt wirklich in meinem Büreau. Nun sagen Sie also, was Sie geben können und wollen? Ich stelle mich in Ihre Lage, theuerster Vieweg, und empfinde, was ein Zuschauer, der Ihr Freund ist, empfinden kann. Nur eins erlauben Sie mir nach dem, was ich ohngefähr von Göthes Honoraren bey Göschen, Bertuch, Cotta und Unger weiß, anzufügen: unter 200 Frd’or können Sie nicht bieten. Die Clausel im Billet: und die Negotiation zerschlägt sich ist unter Schillers Einfluß dictirt, denn Schiller will durchaus seinem Cotta diesen Bissen nicht wegschnappen lassen. Durch die Angabe 2000 Hexameter (Göthe meinte, es würden wahrscheinlich mehr, gewiß nicht weniger. Er hat fast 1800 Verse, und ist noch nicht mit dem 4ten Gesange fertig) sind Sie im Stand gesetzt nach Ihrem Formate genau auszurechnen, wie viel Bogen es füllen wird, da jeder Hexameter gebrochen gedruckt werden muß. Die Idee, Szenen aus Wilhelm Meister zu geben, ist gewiß beherzigenswerth. Es rundet sich in Absicht auf dem Meister zu einem Ganzen. Mich dünkt: es brauchten ja nicht 12, auch nicht 8 Kupfer zu seyn. 6, ja 4 treffliche Blätter wären genug, und diese lieferte ja doch wohl Chodowiecki noch zu rechter Zeit. Als ich mit Göthe darüber sprach, hatte er bis dahin nur zwey Situationen gefunden, die ihm darstellungsfähig für den Grabstichel schienen. Die erste wo Wilhelm in Wald verwundet wird, die Amazone hilfreiche Hand leistet, und Philinne sich verzweiflungsvoll über ihn geworfen hat. Die zweite: wo er auf dem Krankenbette liegt, und Philinne ihre Arme über ihn gebreitet hat. Sie sehn, Philinne ist ein Liebling des Dichters. Ich schlug eine dritte Szene vor, wo Mignon, als Engel angekleidet, auf eine Erhöhung sitzt und ihr Verklärungslied unter den staunenden Kindern singt. Göthe fordert Sie, falls die Sache statt hat, ausdrücklich auf, auch Ihren und Ihrer Freunde Rath hierbey zu hören, und ihm Ihre Gedanken mitzuteilen.

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