Brief
Von Friedrich Schiller (31. August 1794)
Die späte, aber manche schöne Hofnung erweckende, Bekanntschaft mit G. wird für S. zum Ausgangspunkt einer Darstellung seiner eigenen geistigen und dichterischen Existenz. G. dürfe bei ihm keinen großen materialen Reichthum von Ideen erwarten. Sie bestreben Sich, Ihre große Ideenwelt zu simplificieren, ich suche Varietaet für meine kleine Besitzungen. - Dem intuitiv wirkenden Geist G.s gegenüber wirke S.s Verstand [...] eigentlich mehr symbolisierend. Deshalb schwebe er zwischen dem Begriff und der Anschauung, zwischen der Regel und der Empfindung, zwischen dem technischen Kopf und dem Genie. Das habe ihm sowohl auf dem Felde der Speculation als der Dichtkunst Schwierigkeiten bereitet. Noch jetzt begegnet es mir häufig genug, daß die Einbildungskraft meine Abstraktionen, und der kalte Verstand meine Dichtung stört. Leider drohe eine Krankheit seine physischen Kräfte zu untergraben. Eine große und allgemeine Geistesrevolution werde ich schwerlich Zeit haben, in mir zu vollenden [...]. - Angeregt durch G.s Aufsatz "In wiefern die Idee: Schönheit sei Vollkommenheit mit Freiheit, auf organische Naturen angewendet werden könne", der ihre Unterhaltungen auf die fruchtbarste Spur leite, lege S. dem Brief in beyfolgenden Papieren seine Ideen vor (die in seinen Briefen an C. G. Körner vom 23. und 28. Februar 1793 enthaltenen Abhandlungen "Freiheit in der Erscheinung ist eins mit der Schönheit" und "Das Schöne der Kunst"), des weiteren das 4. Stück des 4. Bandes der "Neuen Thalia" (vgl. Ruppert 334) mit Körners Ideen über Deklamation. Bedauern, daß G.s "Wilhelm Meisters Lehrjahre" nicht in den "Horen" erscheinen werde.
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