Normalzeugnis Zeugnis
E. Genast, Aus dem Tagebuche eines alten Schauspielers (nach A. Genast) (Genast 1, 99)
So kam das Jahr 1798 heran, in welchem das Theater durch Baumeister Trouet Thouret aus Stuttgart renovirt wurde. Am 12. October begannen die Vorstellungen wieder, und mit den „Corsen“ von Kotzebue, auf die der Prolog Anm: Vohs sprach ihn in dem Costüm von Max Piccolomini und dann zum ersten Male „Wallenstein’s Lager“ folgte, wurde das neuhergestellte Haus eingeweiht. Goethe’s Thätigkeit bei der Inscenirung war unermüdlich. Hofrath Meyer mußte alle möglichen Holzschnitte, welche Scenen aus dem Lagerleben des Dreißigjährigen Krieges darstellten, herbeischaffen, um die Gruppen auf der Bühne darnach zu stellen; sogar eine alte Ofenplatte, worauf eine Lagerscene aus dem 17. Jahrhundert sich befand, wurde einem Kneipenwirth in Jena zu diesem Zweck entführt. Goethe leitete das Studium der Schauspieler und stattete an Schiller (nach Jena) genauen Bericht ab; bis zur letzten Probe veränderte Schiller noch dieses und jenes. Mir war der Dragoner zugetheilt worden. Eines Tages jedoch ließ mich Goethe zu sich rufen und theilte mir mit, daß Schiller gesonnen sei, noch einen Kapuziner in das Lagerleben hineinzubringen, der den Soldaten predigen sollte; da Schiller dabei um Rath frage, so habe er ihm einen Band des Abraham a Santa Clara gesandt und mich zum Darsteller der drastischen Figur, welche der Kapuziner abgeben würde, vorgeschlagen. „Da Ihr“, sagte er, „viel mit solchen Kuttenmännern in Berührung gekommen seid, so werdet Ihr gewiß den Ton treffen, der zu einem solchen Feldpfaffen gehört. Schickt Euren Dragoner in meinem Namen an Benda.“
Bestimmte Rollenfächer durften die Schauspieler unter Goethe nicht beanspruchen, und selbst die ersten durften sich nicht weigern, wenn es zum Besten des Ganzen war, eine Anmelderolle zu übernehmen. Er verlangte von jedem, daß ihm die Kunst höher stände als sein liebes Ich. Ein Beispiel möge hier folgen.
Meinem Collegen Becker hatte Goethe den zweiten Holk’schen Jäger zugetheilt. Obgleich Becker von Anfang an mit dieser untergeordneten Rolle sehr unzufrieden war und weit lieber den Wachtmeister gespielt hätte, getraute er sich doch nicht, die Annahme derselben zu verweigern, solange ich im Besitz einer ähnlichen war; kaum hörte er aber von dem mir übertragenen Kapuziner, so erklärte er mir auch schon, daß er den Jäger nicht spielen würde, und beauftragte mich, als fungirenden Wöchner, dies dem Herrn Geheimen Rath zu melden. Mir ward nicht wohl bei der Commission und ich kleidete sie wenigstens in die etwas gefälligere Form einer Bitte meines Collegen. Nichtsdestoweniger gerieth Goethe in den heftigsten Zorn, bestand darauf, daß Becker die Rolle spielen müsse, und setzte hinzu: „Sagen Sie dem Herrn Becker, wenn er sich dennoch weigern sollte, so würde ich die Rolle selber spielen.“ Becker weigerte sich aber nicht mehr.
Erst am 8. October traf die Kapuzinerpredigt ein, aber noch dreimal hat Schiller dieselbe überarbeitet, ehe sie im Druck erschien. Für den Charakter des Wachtmeisters hatte Goethe ein ganz besonderes Interesse und war bemüht, dem Darsteller dieser Rolle die steifen Bewegungen, den schwerfälligen Gang und den bombastischen Ton beizubringen. Mit der Exposition war er nicht einverstanden; sie erschien ihm nicht wirksam genug. Er veranlaßte deshalb Schiller, noch ein Soldatenlied als Einleitung zu schreiben; da dieser aber nur vier Verse einsandte, so schrieb Goethe noch einige dazu und dies Lied wurde nach einer Melodie aus „Claudine von Villa Bella“ gesungen ...
Bei dieser Vorstellung war es, wo nach Goethe’s Befehl auf dem Komödienzettel zum ersten Mal die Herren, Madames und Demoiselles vor den Namen der Mitglieder wegfielen. Ich fragte Goethe um den Grund dieser Anordnung; er meinte: der Name des Künstlers sei genügend; Herren und Madames gäb es sehr viele in der Welt, aber Künstler sehr wenig.
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