Normalzeugnis Zeugnis
F. v. Schuckmann an J. F. Reichardt 18. 8. 1790 (Westermanns Ill. Monatshefte 1864, Okt. S. 80)
Goethe aß gestern Mittag grade bei Ankunft Deines Briefes mit mir, und ich konnte ihm seine Einlage allsogleich geben. Nachmittag waren wir im Zwinger, in einem Getümmel von 400 Menschen, und da war’s denn, wo wir Muße und Einsamkeit genug fanden, viel und vertrauter miteinander zu reden. Ich hab’ ihn doch ganz anders, als meine Vorstellung war, gefunden, grade zu meiner Zufriedenheit. Daß es schwer ist, ihm näher zu kommen, liegt nicht in seinem Willen, sondern in seiner Eigenthümlichkeit, in der Sprachschwierigkeit, seine Gefühle und Ideen so, wie sie in ihm liegen, auszudrücken; in der Intension Beider, und der Liebe, die diese ihm für sie abdringt. Bis er weiß, daß man ihn erräth, fühlt, ihm durch jede Oeffnung, die er gibt, hineinsieht, kann er nicht reden.
So stell’ ich mir’s vor; sag’ Du mir, ob ich recht habe? Einige Menschen, von denen er ist, würden gewiß leichter und besser sprechen, wenn sie gemeinerer Natur wären, weil in die currenten Formeln nur die currenten Dinge passen.
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch