Normalzeugnis Zeugnis
D. Veit an Rahel Levin 20. 3. 1793 (Varnhagen2 1, 1)
Ich habe sie wirklich alle gesehen und einen jeden ziemlich umständlich gesprochen, wie sie Namen haben, Goethe, Wieland, Herder.
Wir David und Simon Veit kamen um eilf Uhr nach Weimar, kleideten uns mit Blitzesschnelligkeit um, und sahen während dem Umkleiden die herzoglich rudolstadt’sche Familie, zierliche Prinzen und einige Prinzessinnen, davon die eine passirt, in denselben Gasthof ankommen.
Aus Furcht, er würde nun bei Hofe erscheinen müssen, nahmen wir uns keine Zeit die Kleider abzubürsten, und verfügten uns, von einem Lohnlaquai begleitet, unter dem Jubelgeschrei der lauschenden Menge, zu Goethe. Sein Bedienter sagte uns, es wäre jetzt ein Graf bei ihm, der ihn schwerlich vor ein Uhr verlassen dürfte, und wir möchten nur gegen zwei wiederkommen; ich ließ mich nicht abschrecken, sondern sagte dem Bedienten, er möchte uns nur als Berliner melden, die einen Brief vom Hofrath Moritz mitbrächten. Hierauf wurden wir zwei Treppen hinaufgeführt. Unten in der Mauer vor der ersten Treppe stehen in einer Art von Nischen die Figuren des Apollo und Antinous in Lebensgröße mit ihren Attributen. Aus der Treppe kommt man in ein Vorzimmer, worin verschiedene Gemählde, vorzüglich Köpfe, hängen; aus diesem Zimmer in ein kleines, niedliches, in welches wir zugleich mit Goethe, den wir aus dem andern Theil der Wohnung kommen und mehrere Zimmer durchgehen sahen, als wir noch in der Antichambre waren, hineintraten. Er hatte uns nicht zwei Minuten warten lassen. Das Erste, was mir an ihm auffiel und Sie zu wissen verlangen, war seine Figur.
Er ist von weit mehr als gewöhnlicher Größe, und dieser Größe proportionirt dick, breitschulterig. Wenn Sie meinen Onkel Salomon Veit kennen, so haben Sie die Aehnlichkeit der Figur; aber Goethe ist doch noch größer und stärker. Die Stirn ist außerordentlich schön, schöner als ich sie je gesehen; die Augenbraunen im Gemählde vollkommen getroffen, aber die völlig braunen Augen mehr nach unten zugeschnitten, als dort. In seinen Augen ist viel Geist, aber nicht das verzehrende Feuer, wovon man so viel spricht. Unter den Augen hat er schon Falten und ziemlich beträchtliche Säcke; überhaupt sieht man ihm das Alter von vierundvierzig bis fünfundvierzig recht eigentlich an, und das Gemählde ist in der That zu jugendlich; es müßte denn wahr sein, was man in Weimar allgemein behauptet, daß er während seinem Aufenthalt in Italien merklich gealtert habe. Die Nase ist eine recht eigentliche Habichtnase, nur daß die Krümmung in der Mitte sich recht sanft verliert. (Ich habe ihn, indeß er meinem Onkel verschiedene Fragen vorlegte, von der Seite und in dem Spiegel recht starr angesehen.) Der Mund ist sehr schön, klein, und außerordentlicher Biegungen fähig; nur entstellen ihn, wenn er lächelt, seine gelben, äußerst krummen Zähne. Wenn er schweigt, sieht er recht ernsthaft, aber wahrhaftig nicht mürrisch, und kein Gedanke, keine Spur von Aufgeblasenheit. Auch dem dümmsten müßte Aufgeblasenheit an einem Menschen mißfallen, der in Sprache und Manier so ganz simpel wie jeder Geschäftsmann ist. Das Gesicht ist voll, mit ziemlich herabhängenden Backen. Im Ganzen ist das Gemählde wohl getroffen; aber es macht doch einen sehr falschen Begriff von ihm; Sie würden ihn gewiß nicht erkennen. Er hat eine männliche, sehr braune Gesichtsfarbe, die Farbe der Haare ist etwas heller. Er trägt das Vorderhaar ratzenkahl abgeschoren, an den Seiten ausgekämmt und völlig anliegend, einen langen Zopf; weiß gepudert. Die Binde im Porträt verstehe ich gar nicht. Lips muß ihn haben putzen wollen. Seine Binde ist eine von den unter gesetzten Männern ganz gewöhnlichen, hinten zugeschnallt, vorne glatt und dünn, und wegen dem übergelegten Hemdkragen wenig zu sehen. Die Wäsche fein, mit wenig vorstehendem Jabot. Kleidung: ein blauer Ueberrock mit gesponnenen Knöpfen, doppeltem Kragen (der eine über die Schultern, der stehende nicht recht hoch), eine schmalgestreifte Weste von Manchester oder ähnlichem Zeuge und – vermuthlich Beinkleider; der Ueberrock bedeckte sie; kalblederne ordinäre Stiefel. Alles zusammen genommen kann er ein Minister, ein Kriegsrath, ein Geheimrath, allenfalls ein Amtmann sein, nur kein Gelehrter und gewiß kein Virtuose. In Berlin würde ihn jeder einheimisch glauben. Er hat uns ungemein höflich aufgenommen; als er auf uns zukam, sah er uns recht freundlich an (sein Blick ist gewöhnlich ernsthaft, aber ohne alle Arroganz, wie es scheint; wenn er sich nicht an einen wendet, so sieht er gesenkt zur Erde, mit den Händen auf dem Rücken, und spricht so fort), fragte nach dem Endzwecke unserer Reise, erzählte uns, daß es in Frankfurt sehr lebhaft aussähe, daß er Frieden wünsche u.s.w. Nachdem er einen Brief durchgelesen hatte, erkundigte er sich kaltblütig, aber mit vieler Aufmerksamkeit, nach Moritz. Sobald ich nur von ihm und der Entweichung seiner Frau zu reden angefangen hatte, sagte er in einem sehr ernsthaften Ton: „Er muß jetzt viel zu thun haben; er muß arbeiten, er ist wirklich ein gar lieber Mann, und wenn er etwas unternimmt, so greift er die Sache immer so ganz recht an; er hat wirklich zu gar vielen Sachen ein recht hübsches Talent. Hm! herkommen kann er freilich nicht; er muß sehr viel Arbeit haben.“ Er ließ sich nun noch über unsere Reise selbst, über die Kriegsoperationen mit uns ein, sprach aber von keiner Partei mit Dezision; jedoch immer überaus natürlich, immer, als ob er nur die Sachen, nicht die Worte suchte. Man hört’s, ihm noch manchmal an, daß er aus dem Reich ist, wie er uns auch selbst sagte. Das Zimmer, in welchem wir standen (sitzen ließ er uns nicht), war mit grünen Tapeten ganz modern geziert; Gemählde und Köpfe rings umher, von der Größe, wie das Studirzimmer der Herz, ein völliges Quadrat: zwei Mahagony-Tische, ein Spiegel, sechs Lehnstühle, weiß, mit grün- und weißgestreiften seidenen Polstern. Eine Viertelstunde (eher mehr als weniger) hielt er uns auf; machte dann eine bedeutend lächelnde Miene, und wir waren nicht dumm. Nach Mendelssohn erkundigte er sich gar nicht, ohngeachtet im Briefe Herr Veit als dessen Schwiegersohn genannt ist. Ueberhaupt haben wir keinen litterarischen Punkt berührt; er fragte nicht einmal nach Moritzens neuesten Sachen; der Mann hat nicht unrecht, wenn ihm mies ist. Er begleitete uns aus der Antichambre, und war noch beim Abschiede sehr höflich. Die ganze Aufnahme war sehr höflich, ziemlich kalt und allgemein, aber viel wärmer als ich sie erwartet hatte; sie war ganz so, wie ich sie erwartet hätte, wenn mir noch kein Mensch von Goethe erzählt hätte ...
Goethe hat jetzt keine juristischen Geschäfte mehr; als Amt hat er das Departement der Gnadenerzeigung (keine emzoe, der wirkliche Namen) sich selbst gewählt. Den von ihm angelegten Park, den er noch immer weiter ausführt, und mit dem er, laut des Herzogs Vollmacht, auch in dessen Abwesenheit machen kann, was er will, müssen Sie sehen ...
Goethe ist hier unter vielen Volksklassen (ich habe in den sechs Stunden viel Leute gesprochen) als sehr freundlich, gutmüthig bekannt, und hat die allgemeine Achtung und Liebe; die mittlern Stände nennen ihn den Genius des Orts; diese Benennung läßt auf Kraftgeniemäßigkeit schließen; doch habe ich einige dem Scheine nach nicht ungeschickte, und von Pedanterie freie junge Leute gesprochen ...
Die Vulpius ist sechsundzwanzig bis siebenundzwanzig Jahre alt, nicht hübsch (ich selbst habe sie nicht gesehen), ihm zur Linken angetraut, kommt nie in sein Haus. Er besucht sie nicht täglich, indessen soll sie noch viel Einfluß auf ihn haben. Länger als zwei bis drei Stunden ist er nie bei ihr; das Antrauen war die Folge des jungen Goethe, der jetzt im dritten Jahre sein soll. Er unterstützt die ganze Familie, schafft dem Bruder, der Schriftsteller ist, Verleger u.s.w.
Zur Cour kommt Goethe freilich; aber wenn der hohe Adel bei dem Herzog speist, kann er nicht zur Tafel gezogen werden ...
In den herzoglichen Park hat Goethe unter andern sehr viele ausländische Pflanzen hingesetzt, damit ihm das Studium der Botanik nicht allzukostbar werde. Seine nähere Bekanntschaft erhält man sehr schwer; die Menschen, welche ich gesprochen, wissen alle keinen, mit dem er sehr genau umgehet.
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