Brief
Von Friedrich Schiller (8. Juli 1796)
Zum 8. Buch von "Wilhelm Meisters Lehrjahren": Zwei Punkte wolle S. vor der gänzlichen Abschließung des Buches noch zu bedenken geben: Der Roman nähere sich in mehrern Stücken der Epopee, unter anderem auch darin, daß er in Gestalt der Mächte des Thurms Maschinen habe, die in gewissem Sinne das regierende Schicksal darinn vorstellen. Von ihnen werde, ohne die Natur in ihrem freyen Gange zu stören, Wilhelm Meister in seiner Entwicklung beeinflußt. Dabei bestimme das Ziel, die Idee der Meisterschaft, den Inhalt und die Tendenz der Lehrjahre. Diese Idee der Meisterschaft, die nur das Werk der gereiften und Vollendeten Erfahrung sei, dürfe allerdings Wilhelm nie als Zweck und Ziel bewußt werden, vielmehr müsse sie als Führerin hinter ihm stehen. Es gehöre zu den eigensten Schönheiten, daß G. es verstanden habe, bei der Gestaltung dieser geheimen Führung Wilhelms durch Jarno und den Abbe, alles Schwere und Strenge zu vermeiden und so den Begriff der Maschinerie wieder aufzuheben, ohne doch die Wirkung davon zu zerstören, so daß das Resultat mehr sei, als die bloße sich selbst überlassene Natur hätte leisten können. Dennoch halte es S. für notwendig, dem Leser das, was Wilhelm Meister notwendig verborgen bleiben müsse, etwas klarer und deutlicher darzustellen. Sonst bestehe die Gefahr, daß über der Grazie der Bewegung der Ernst und die Tiefe des Anliegens übersehen werden. Dieser Schaden für den Roman sei leicht zu vermeiden, indem der Abbé eingehender von seinen pädagogischen Planen spreche. - Das Ziel, bey welchem Wilhelm nach einer langen Reyhe von Verirrungen endlich anlange, könne nach S.s Meinung so charakterisiert werden: 'er tritt von einem leeren und unbestimmten Ideal in ein bestimmtes thätiges Leben, aber ohne die idealisierende Kraft dabey einzubüßen'. In diesem Zusammenhang scheine S. die Art, wie sich G. über den Begriff der Lehrjahre und der Meisterschaft erkläre, beiden eine zu enge Grenze zu setzen: Sie verstehen unter dem ersten bloß den Irrthum, dasjenige außer sich zu suchen, was der innere Mensch selbst hervorbringen muß; unter der zweyten, die Ueberzeugung von der Irrigkeit jenes Suchens, von der Nothwendigkeit des eignen Hervorbringens u.s.w. S. bezweifle, daß sich das Leben Wilhelm Meisters, so wie es in dem Romane vor uns liegt, wirklich auch vollkommen unter diesem Begriffe fassen und erschöpfen lasse. Er wünsche sich deshalb, daß die Beziehung aller einzelnen Glieder des Romans auf jenen philosophischen Begriff noch etwas klärer gemacht würde. Ich möchte sagen, die Fabel ist vollkommen wahr, auch die Moral der Fabel ist vollkommen wahr, aber das Verhältniß der einen zu der andern springt noch nicht deutlich genug in die Augen. - G. möge S. mitteilen, was er in dem ihm vorliegenden Exemplar der "Xenien" gestrichen oder verändert wünsche. S. erwartet von G. Gedichte für den "Musenalmanach" für 1797. - Bitte um den 5. Band von L. A. Muratoris "Rerum Italicarum scriptores" (Mailand 1723-1751). - An den Beginn des "Musenalmanachs" für 1797 wolle S. ein Porträt G.s stellen und erbitte als Vorlage das Original oder eine Kopie des von J. H. Meyer stammenden Porträts.
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