Normalzeugnis Zeugnis

C. G. Graß, Tagebuch 6. 2. 1791 (Balt. Monatsschr. 48, 288)

Um 11 ging ich mit Lips zu Goethe, der mich vorläufig bei ihm empfohlen hatte. Er war sehr heiter und sagte, da ich hereintrat: „Es freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Ich sagte ihm dann, wie ich schon lang den Wunsch auf dem Herzen gehabt etc. Wir sprachen von der zum Reisen nothwendigen Gesundheit. Er sprach mit vieler Ungezwungenheit und verlangte nicht meine Zeichnungen zu sehen, als bis ich sie selbst hervorholte. Er sah sie aufmerksam durch und war bei manchen, besonders den italienischen sehr zufrieden und bat, daß ich sie ihm dalassen möchte, um Sr. Durchlaucht, mit dem er von mir gesprochen, sie zu weisen. Dies machte ihm vielen Spaß, wie Lips sagte, sie nun herumzuweisen und er sieht jedes noch so geringe Blatt mit Aufmerksamkeit durch und studirt es durch. Durch diese Methode lernt er selbst bei Kleinigkeiten und er drückte sich bei einem Bilde von Meyer in Stäfa am Züricher See aus: „Mit so einem Menschen rückt man doch selbst weiter.“ Er will jetzt eine kleine Landschaft radiren und es soll unglaublich sein, was er für Sachen durchstudirt hat, bis er über die Manier einig geworden ist. Bei den unbedeutendsten Sachen, sagt Lips, macht er Bemerkungen, die voll Geist sind und wobei es den, der die Sache vorher ansah, ärgert, daß ihm auch nicht so etwas beifiel. Das Gesicht Goethes ist voll Feuer und doch Weichheit, nicht wie bei Herder – Marmor. Sein Auge ist rund und frei, braun, ein dunkler Spiegel, der desto reiner und heller auffaßt. Sein Blick ist oft unmerklich auf Sachen gewandt, die er gar nicht zu bemerken scheint. Er ist noch voll Manneskraft, schnell in seinem Wort und Thun, überlegend prüfend im Urtheil, und wenn es nur eine Zeichnung eines Künstlers beträfe, der aber selbst denkt. Lips hat ihn, wie noch niemand vor ihm gezeichnet und sticht jetzt sein Bild. Goethe wies uns ein großes Portefeuille mit schönen Sachen, besonders von Kniep, theils in Sepia, theils in einer sehr lebhaften Manier, die aber nicht leicht nachzuahmen ist. Der Künstler legt gleich alles mit Farben an, zeichnet aber vorher die Umrisse mit der Feder. – Ohne weitere Anfragen oder Bitte sagte er: „Sie bleiben doch heute hier und möchten vielleicht die Sachen der Herzogin Amalie sehen“ – und schrieb sogleich ein Billet und es wurde erlaubt, wie auch Goethe mir erlaubte wiederzukommen, weil er mir noch manches weisen könnte. Dieser Mann ist in Weimar wie ein Gott, aber es ist auch wie ein Gott, nur ein Goethe. Mir ist’s viel werth ihn kennen gelernt zu haben, weil ich weit anschaulicher die Schriften eines Mannes fasse, den ich auch nur minutenlang kenne. Nachmittags um 3 Uhr ging ich mit Müller, Facius, Westermeyer zur Herzogin Amalie. Sie war bei Hofe und wir in ihrem Zimmer allein, wo schon die großen Portefeuille auf der Erde bereit lagen ... Am meisten entzückte mich ein Mondschein von Gido in Neapel, eine Ansicht auf den Vesuv am Meer, unbeschreiblich klar, ohne große Massen, mit Tusche gezwungen, sanft wie hingeblasen. Goethe selbst sagte, es wäre ihm unerklärlich, wie das gemacht sei, die Fertigkeit der Behandlung muß alles machen ... Zwei Stunden lang hielten wir uns auf; der Sachen waren nur zu viel und die Zeit zu kurz.

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