Brief

Von Friedrich Ludwig Zacharias Werner (24. September 1808)

G.s Schreiben vom 23sten July d. J. habe W. vorgestern in Zürich vorgefunden. Von seinem Heimweh nach Weimar. G.s seelenvoller Blick beim Abschied erinnere ihn an eine Stelle in "Wilhelm Meisters Lehrjahren" (II 4). W. wage noch einmal zu äußern, daß G. eine grundchristliche Mignon [...] schreiben und dennoch der [...] Pallas von Velletri den Rang über eine gewisse Amme! einräumen möge (vgl. G.s Tagebuchnotizen vom 23. und 27. März). - Vom "Attila" (Berlin 1808) lasse er zwei Exemplare übersenden und bitte, eines dem Herzog mit beiliegendem Brief zu übermitteln (vgl. G. an Eichstädt, 1808 Dezember 27, WA IV 20, Nr. 5669). - Reisebericht: In Karlsruhe habe er J. H. Jung sehr liebgewonnen, dessen "Theorie der Geisterkunde" (Nürnberg 1808) viel Aufsehen erregt. Der Rheinfall bei Schaffhausen habe W. zu einer rasenden Dityrambe inspiriert ("Der Rheinfall bei Schaffhausen"). - Die Züricher J. H. Füßli, J. M. Usteri, H. Hirzel und K. Geßner seien schätzbar, bis auf die Aufklärung. Überhaupt sei die Natur der Schweiz zu jung, die Bevölkerung zu alt - Ein aufgeklärter Lohnbedienter (J. Güger), die completteste vergröberte Copie des guten Friedrich Nicolai, habe ihn als Führer zwanzig Karolinen gekostet. Über einzelne Wesenszüge und Sitten der Schweizer und die großen Schönheiten markanter Punkte; erwähnt: Kloster Einsiedeln, Goldauer Bergsturz, Luzern mit einer vornehmen Schweizer Dame (Rüttimann), W. Tells und W. Stauffachers Kapellen. Herrliche Eindrücke habe W. auf dem Rigi gewonnen, der St. Gotthard dagegen sei nicht belohnend genug für die Mühe. Übernachtung in Realp mit dem Kronprinzen Ludwig von Bayern und Gang über die Furka. Der Staubbach, göttlich! (vgl. W.s Gedicht "Der Staubbach"). Vom Volksfest in Interlaken; erwähnt: Madame de Staël, der Thuner See, die Walliserinnen. Die Straße über den Simplon sei allein eine Reise wert. Domo d'Ossola, herrliches Thal [...]! Gang von Ugogna nach Mergozza, der schönste meines Lebens! Unter lauter Weinlauben! Unbeschreibliche Empfindungen [...] bey dem Eintritt in das göttliche einzige Italien. Zitat der ersten Verse seines Gedichtes Eintritt in Italien". - Über die Schönheit des Lago Maggiore. Der Dom in Mailand sei nicht so erhaben, aber prächtiger als der Kölner. Über die Ähnlichkeit der Italiener und Polen; (J. G. oder K.) Stuwers Feuerwerk im Wiener Prater. - Die Fahrt nach Genua im Unwetter besinge er in Sonetten ("Hellenik und Romantik" und "Abfahrt"). Zurück nach Mailand, wo es die schönsten und größten Theater gebe. Hinweis auf die Scala. Ironische Bemerkungen über eine Oper "L'Italiana in Algeri" (Von L. Mosca) und ein Ballett "Il conte di Lenox" (von G. Ferliga); erwähnt: der Vizekönig von Italien. - Bekanntschaft mit einem Italiänermädchen, P. Coduri, am Comer See. Erwähnung der Villen Tanzi und Pfiniana, der Quelle, die Plinius d. J. rezensirte (? im 30. Brief des 4. Buches seiner "Briefe"). Über Chur und den gefährlichen Schlund bei Bad Pfeffers, den er G. verwehren würde, sowie über den weiteren Rückweg nach Zürich. Die gegensätzliche Beschaffenheit der Ufer des Wallenstädtersees sei dem moralisch-poetischen Tiedge vergleichbar. Über seine weiteren Reisepläne. Anfang Dezember wolle er nach Weimar kommen. In Paris sei er unter der Adresse D. F. Koreffs zu erreichen. - Hinweis, daß eine Schweizreise über die Natur, Sprache und Symbolick der Gewässer unerhörte Aufschlüsse verbreitet, die Poesie beleben könnte, aber teuer sei. Deshalb ziehe er Italien vor. - Ratlosigkeit bezüglich eines Stoffes für ein neues Trauerspiel, was W. besonders schmerze, da G. eines bei ihm für den 30. Januar 1809 (Geburtstag der Herzogin Luise) bestellt habe. Was sagen Sie zum König Saul? [...] Oder vielleicht die Tochter Jephta? W. könne nichts Dramatischeres und effektvolleres schreiben als "Das Kreuz an der Ostsee", das er seine Sendung an das Landes-Industrie-Comptoir beifüge; Vielleicht werde G. die Aufführung billigen. Grüße an G.s Frau, Riemer, S. von Schardt, J. Schopenhauer, Frommanns, Knebels, Ziegesar und Familie, Wieland, Müller, Meyer und Fernow.

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