Normalzeugnis Zeugnis

Dichtung und Wahrheit XVII (WA I 29, 42)

Doch sollte bei eintretendem Frühling eine anständige ländliche Freiheit dergleichen Verhältnisse enger knüpfen. Offenbach am Main zeigte schon damals bedeutende Anfänge einer Stadt, die sich in der Folge zu bilden versprach. Schöne, für die damalige Zeit prächtige Gebäude hatten sich schon hervorgethan; Onkel Bernard, wie ich ihn gleich mit seinem Familientitel nennen will, bewohnte das größte; weitläufige Fabrikgebäude schlossen sich an; d’Orville, ein jüngerer lebhafter Mann von liebenswürdigen Eigenheiten, wohnte gegenüber. Anstoßende Gärten, Terrassen, bis an den Main reichend, überall freien Ausgang nach der holden Umgegend erlaubend, setzten den Eintretenden und Verweilenden in ein stattliches Behagen. Der Liebende konnte für seine Gefühle keinen erwünschteren Raum finden. Ich wohnte bei Johann André ... Lili’s Pianospiel fesselte unsern guten André vollkommen an unsre Gesellschaft; als unterrichtend, meisternd, ausführend, waren wenige Stunden des Tags und der Nacht, wo er nicht in das Familienwesen, in die gesellige Tagesreihe mit eingriff. Bürgers Lenore, damals ganz frisch bekannt, und mit Enthusiasmus von den Deutschen aufgenommen, war von ihm componirt; er trug sie gern und wiederholt vor. Auch ich, der viel und lebhaft recitirend vortrug, war sie zu declamiren bereit; man langweilte sich damals noch nicht an wiederholtem Einerlei. War der Gesellschaft die Wahl gelassen, welchen von uns beiden sie hören wolle, so fiel die Entscheidung oft zu meinen Gunsten. Dieses alles aber, wie es auch sei, diente den Liebenden nur zur Verlängerung des Zusammenseins; sie wissen kein Ende zu finden, und der gute Johann André war durch wechselsweise Verführung der beiden gar leicht in ununterbrochene Bewegung zu setzen, um bis nach Mitternacht seine Musik wiederholend zu verlängern. Die beiden Liebenden versicherten sich dadurch einer werthen unentbehrlichen Gegenwart ... Ein vielfacher geselliger Zudrang aus der Stadt konnte in dieser Jahreszeit nicht fehlen. Oft kam ich nur spät des Abends zur Gesellschaft, und fand sie Lili dem Scheine nach theilnehmend, und da ich nur oft auf wenige Stunden erschien, so mocht’ ich ihr gern in irgend etwas nützlich sein, indem ich ihr Größeres oder Kleineres besorgt hatte, oder irgend einen Auftrag zu übernehmen kam. Und es ist wohl diese Dienstschaft das Erfreulichste was einem Menschen begegnen kann; wie uns die alten Ritter-Romane dergleichen zwar auf eine dunkle, aber kräftige Weise zu überliefern verstehen. Daß sie mich beherrsche, war nicht zu verbergen, und sie durfte sich diesen Stolz gar wohl erlauben; hier triumphiren Überwinder und Überwundene, und beide behagen sich in gleichem Stolze. Dieß mein wiederholtes, oft nur kurzes Einwirken war aber immer desto kräftiger. Johann André hatte immer Musik-Vorrath; auch ich brachte fremdes und eignes Neue; poetische und musikalische Blüthen regneten herab.

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