Normalzeugnis Zeugnis

Schiller an W. v. Humboldt 27. 6. 1798 (SNA 29, 244)

Ihre Schrift Ueber Göthe’s Herrmann und Dorothea ... war mir in der That eine ganz überraschende Erscheinung ... In allen wesentlichen Punkten ist zwischen dem, was Sie sagen, und dem was Göthe und ich diesen Winter über Epopee und Tragödie festzustellen gesucht haben, eine merkwürdige Uebereinstimmung dem Wesen nach, obgleich Ihre Formeln metaphysischer gefaßt sind und die unsrigen mehr für den Hausgebrauch taugen ... Göthe und ich haben uns Epische und Dramatische Poesie auf eine einfachere Art unterschieden, als Ihr Weg Ihnen erlaubte, und diesen Unterschied überhaupt nicht so groß gefunden. So können wir die Tragödie sich nicht so sehr in das lyrische verlieren lassen, sie ist absolut plastisch wie das Epos: Göthe meint sogar daß sie sich zur Epopee wie die Sculptur zur Mahlerey verhalte. An das lyrische grenzt sie allerdings, da sie das Gemüth in sich selbst hineinführt; so wie die Epopee an die Künste des Auges grenzt, da sie den Menschen in die Klarheit der Gestalten herausführt. Uns scheint, daß Epopee und Tragödie durch nichts als durch die vergangene und die gegenwärtige Zeit sich unterscheiden. Jene erlaubt Freiheit, Klarheit, Gleichgültigkeit, diese bringt Erwartung, Ungeduld, pathologisches Interesse hervor. Auch meint Göthe, und mit Grunde däucht mir, daß man die Natur des Epos vollständig aus dem Begriff und den Circumstantien des Rapsoden und seines Publicums deducieren könne, und daß sogar die Roheit und die gemeine ungebildete Natur des ihn umgebenden Auditoriums auf die epische Form einen entscheidenden Einfluß habe, wenigstens auf die Homerische gehabt habe, die der Canon für alle Epopee ist ... Was den Stil betrift, so ist mit Ausnahme einiger wenigen Absätze, die uns beiden nicht sogleich klar werden konnten, alles faßlich vorgetragen. Ein weniger diffuser und ausführlicher Vortrag wäre freilich im Ganzen zu wünschen gewesen, bei einer größern Gedrängtheit und Kühnheit möchte das Ganze an Kraft und Bestimmtheit gewonnen haben. Aber diese Sorgfalt alles zu begrenzen und zu limitieren, zu keinem Misverstand zu verleiten, nichts zu wagen pp liegt einmal in Ihrer Natur, und wir haben über diesen Punkt oft und viel gesprochen ... Doch genug für heute ... Ohnehin kann ich mich jetzt nicht ins besondere einlassen, da Göthe Ihre Schrift in Händen hat. Er wollte Ihnen mit mir schreiben, hat aber in Weimar zu thun bekommen. Ihre Schrift hat ihn, wie Sie leicht denken können, sehr angenehm gerührt.

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