Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 25. Oktober 1786
d. 25. Abends
Perugia.
Zwey Abende hab ich nicht geschrieben es war nicht möglich, unsre Herbergen waren so schlecht, daß an kein auslegen eines Blats zu dencken war. Es bleibt mir viel zurück. Indeß wird aufalle Fälle die zweyte Epoche meiner Reise von Venedig auf Romweniger reichhaltig aus mehr als Einer Ursache.
d. 23 früh unsrer Uhr um 10 kamen wir aus den Apeninenhervor und sahen Florenz liegen, in einem weiten Thal das unglaublich bebaut und in’s unendliche mit Häusern und Villenbesät ist.
Von der Stadt sag ich nichts die ist unzählichmal beschrieben. Den Lustgarten Bovoli, der gar köstlich liegt hab ich nur durchlaufen, so den Dom, das Batisterium, an dene beyden Gebäudender Menschenwitz sich nicht erschöpft hat.
Der Stadt sieht man den Reichthum an der sie erbaut hat undeine Folge von glücklichen Regierungen.
Uberhaupt fällt es auf wie in Toscana gleich die öffentlichenWercke als Wege Brücken für ein schönes grandioses Ansehn haben, das ist alles wie ein Puppenschrank.
Was ich neulich von den Apeninen sagte was sie seyn könntendas ist Toskana. Weil es soviel tiefer lag, hat das alte Meer recht seine Schuldigkeit gethan und tiefen Leim Boden aufgehäuft, erist hellgelb und sehr leicht zu bearbeiten sie pflügen tief abernoch recht auf die ursprüngliche Art. Ihr Pflug hat keine Räder,und die Pflugschaar ist nicht beweglich, so schleppt sich derBauer hinter seinen Ochsen gebückt her, und wühlt die Erde auf. Es wird bis fünfmal gepflügt. Wenig und nur sehr leichtenDünger hab ich gesehn und den streuen sie mit den Händen.Wahre Kinder der Natur wie wir bey Schilderung ihres Carackters noch mehr sehen werden. Zulezt säen sie den Waitzen unddann häufen sie schmale Solteln auf und dazwischen tiefe Furchen, alle so gerichtet daß das Regenwaßer ablaufen muß. DieFrucht wächst nun in die Höhe auf den Solteln. In den Furchengehn sie sodann her wenn sie gäten. Ich begreif es noch nichtganz warum sie so viel Raum liegen laßen. An einigen Ortenwohl wo sie Näße zu fürchten haben, aber auf den schönsten Gebreiten thun sies. Gründlich bin ich noch nicht unterrichtet.
Bey Arezzo thut sich eine gar herrliche Plaine auf, wo ich ebendas gedachte Feld und die Arten es zu bebauen bemerckte.
Reiner kann man kein Feld sehn, keinen Erdschollen, alles klar.Aber man sieht auch nirgend ein untergeackert Stroh der Waitzen gedeiht aber schön. und es ist seiner Natur gemäß. Daszweyte Jahr bauen sie Bohnen für die Pferde, die hier keinenHaber kriegen. Es werden auch Lupinen gesät die jezt schonschöne grün stehn und im Merz Früchte bringen. So auch ist derLein schon gesät und gekeimt, er bleibt den Winter über und wird nur durch den Frost dauerhafter unsre Winter sollte ernicht aushalten.
Die Oelbäume sind wunderliche Pflanzen. Sie sehen alt fast wieWeiden aus, sie verlieren auch den Splint und die Rinde gehtauseinander. Aber sie hat gleich ein festeres marckigeres Ansehn.Man sieht dem Holze an daß es sehr langsam Wächst, unddaß es unsäglich durchgearbeitet ist.
Das Blat ist auch weidenartig nur weniger Blätter am Zweige.Um Florenz, an den Bergen, ist alles mit Oelbäumen und Weinstöckenbepflanzt und dazwischen wird das Erdreich zu Körnernbenutzt. Bey Arezzo und so weiter läßt man die Felder freyer.
Ich finde daß man dem Epheu nicht genug wehrt, der die Oelbäume wie andre Bäume auszehrt. das doch ein leichtes wäre.Wiesen sieht man gar nicht.
Man sagt das türckische Korn, seit es eingeführt worden, zehredas Erdreich sehr aus. Ich glaube wohl bey dem geringen Dünger.Das nehm ich alles nur so im Vorbeyfahren mit und freue mich denn doch das schöne Land zu sehn wenn gleich die Unbequemlichkeitengros sind.
Ich fahre fort sorgfältig das Land für sich, eben so seine Einwohner,die Cultur, das Verhältniß der Einwohner unter einanderund zuletzt mich den Fremden und was und wie es den wird zu betrachten.
Hier fällt mir ein daß ich die Toskanische Dogan Einrichtung als schön und zweckmäsig loben muß, ob sie mich gleichincommodirt hat, und die anderen die mich nicht incommodirthaben taugen nichts.
Mein Reisegefährte ein Graf Casare von hier eine recht gute ArtMenschen, auch ein rechter Italiäner.
Da ich oft still und nachdencklich war; sagte er einmal: chepensa? non deve mai pensar l’vomo, pensando s’invecchia undnach einigem Gespräch: non deve fermarsi l’huomo in una sola cosa, perche allora divien matto, bisogna aver mille cose, una confusion nella testa.
Was sagst du zu meinem Philosophen und wie glaubst du daßich, der alte Mambres, toujours faisant de profondes reflexions, gelächelt habe.
Heute abend haben wir Abschied genommen, mit der Versichrungdaß ich ihn in Bologna, wo er im Quartier steht, auf meinerRückreise besuchen wolle.
Ich schreibe nur so hin, es ist kalt und drausen am Camin essenKaufleute von Fuligno, ich gehe von Zeit zu Zeit mich wärmen.
Auch hier ist allerley zu sehen das ich liegen laße, eh ich nachRom komme mag ich die Augen nicht aufthun, das Herz nicht erheben. Ich habe noch drey Tage hin und es ist mir noch alswenn ich nie hinkäme.
|: Hier ein Paar Anmerckungen die weiter hervor gehören.
Der Wein will magre Nahrung an Bergen und viel Sonne habenin der Plaine wird er zu schweer. Die Feuchtigkeit die zu dringt kann nicht genug ausgekocht werden es giebt einen ungeschlachten Trank.
Bey Ferrara hab ich gesehen daß sie die Chausseen mit zerschlagnenZiegelstücken überführen das thut recht gut und diealten Ziegeln die zu nichts nutze sind werden zu was gebraucht. Auch Garten wege zu machen sind sie gar gut so bald ich nachHause komme will ich Versuche in beyden machen :|
Toskana scheint mir gut regiert, es hat alles so ein ganzes Ansehn. Es ist alles fertig und zum Nutzen und einem edlenGebrauch.
Auf der Rückkehr wollen wirs näher ansehn.
Der Staat des Pabsts scheint sich zu erhalten weil er nicht untergehnkann.
Der See von Perugia ist ein schöner Anblick. Recht sehnlichwünsch ich mir jemanden von den meinigen an die Seite. Was ist der Herzog unglücklich daß andre Leidenschafften ihn voneiner solchen Reise abhalten die er mit Bequemlichkeit undFreude machen könnte.
Wenn ich diese Reise noch einmal machte wüßt ich s auch nunbeßer. Denn mit dem verschiednen Gelde, den Preisen, den Vetturinen, den schlechten Wirthshäusern ist es eine tag täglicheNoth, daß einer der zum erstenmal wie ich allein geht undununterbrochnen Genuß suchte und hoffte unglücklich genugsich finden müßte. Ich habe nichts gewollt als das Land sehn aufwelche Kosten es wolle und wenn sie mich auf Ixions Rad nach Rom bringen; so bin ich’s zufrieden. Wenn ich Tischbein gesprochenhabe dann schildre ich die Italiäner überhaupt wie ichsie gesehn habe. Du magsts dann mit andern Schilderungen zusammen halten.
Ich sudle erstaunlich verzeih es der Kälte und der Unbequemlichkeitmeines Schreibtisches. Ich habe dir soviel gedacht diesezwey tage daß ich wenigstens etwas zu Papier bringen möchte.
Wenn man die erste poetische Idee daß die Menschen meistunter freyem Himmel lebten und sich nur manchmal aus Noth in Hölen retirirten noch realisirt sehn will; so muß man dieGebäude hier herum besonders auf dem Lande ansehn. Ganz imSinn und Geschmack der Hölen.
Eine unglaubliche Sorglosigkeit haben sie per non invecchiarsi. So muß ich dir einmal eine Beschreibung eines Vetturin Fuhrwerckes machen und seine Genealogie wie ich mir sie ausgedachthabe, und es fällt keinem Menschen ein, diese Art Fuhrwerckzweckmäsiger, Menschen und Thiren bequemer und ihremBesitzer vortheilhafter zu machen, und es kommt auf eineKleinigkeit an, die sich in jedem andren lande vor funfzig Jahren gefunden hätte.
Nun Gute Nacht. Es geht nicht weiter. Ich bin dir herzlich zugethanund sehne mich recht zu dir; schon fängt mich derSchnee an zu ängstigen der sich bald mit Macht zwischen unslegen wird.
Gute Nacht.
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