Brief

Von Wilhelm Karl Grimm (1. August 1816)

G. habe Grimm bei dessen letztem Besuch in Weimar (vgl. G.s Tagebuchnotiz vom 19. Juni) erlaubt, die von ihm und seinem Bruder (Jakob) herausgegebenen Werke über die altdeutsche Literatur zu übersenden. Umfangreiche Bemerkungen zu den beifolgenden Editionen: "Hildebrandslied" (Ruppert 780); Band 2 der "Kinder- und Hausmärchen" (Ruppert 781), der 1. Band sei vergriffen und folge später in einer Neuauflage; Band 1 der "Deutschen Sagen" (Ruppert 782) mit Hinweis auf die Vorrede, eine geplante Schlußschrift zum Abschluß der Sammlung und auf einzelne Sagen; Band 1 der "Lieder der alten Edda" (Ruppert 771) mit Hinweis auf die in Dänemark erschienene Ausgabe (? Snorri Sturluson "Edda Islandorum anno 1215"), die in der zweiten Abtheilung dieses Bandes erscheinende Vorrede, die Ankündigung in den "Göttingischen gelehrten Anzeigen" 1815, Nr. 110 (von G. F. Benecke) sowie die geistige Verwandschaft der "Edda" mit dem Ossian; Hartmann von Aues "Der arme Heinrich" (Ruppert 790) und die Zeitschrift "Altdeutsche Wälder" (Ruppert 786) mit Hinweis auf verschiedene Gedichte in den ersten beiden Bänden, der 3. Band sei noch nicht vollendet (vgl. RA 7, Nr. 733). - Von der altdeutschen Literatur seien bisher nur Bruchstücke bekannt, daraus leite sich eine gewiße Gleichgültigkeit des Publikums und vieler Gelehrten gegen sie her. Das Studium der antiken Literatur sei bei ihrem Wiedererwachen von Fürsten begünstigt worden und mit der Bildung überhaupt fortgeschritten. In ihrer Vorbildwirkung für die neuere Literatur liege aber auch der Nachteil, daß sie zu schnell zum Mannesalter reife, denn alles, was dauern und halten soll, muß wie edle Pflanzen langsam wachsen. - A. Zeunes Prosaauflösung des Nibelungenliedes sei mißlungen, aber zwischen den Sammlungen von C. H. Müller ("Der Nibelungen Liet", vgl. Ruppert 792) oder F. H. von der Hagens und J. G. Büschings ("Deutsche Gedichte des Mittelalters", vgl. Ruppert 779) und Beneckes kritischer Bearbeitung von U. Boner ("Der Edelstein") sei ein großer Fortschritt zu bemerken. Nur ein geselliges Arbeiten und Unterstützung von Oben her könne die Erschließung der Quellen vorantreiben. - Empfehlung von L. Grimm, der mit G. Brentano nach Italien gereist sei.

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