Normalzeugnis Zeugnis

A. W. Schlegel, Anmerkungen zu den Briefen von Schiller und Goethe an A. W. Schlegel (Körner – Wieneke S. 228)

Goethe war bei seinen ersten Versuchen im Hexameter und Pentameter, dem Reinicke Fuchs, den Römischen Elegien und den Venetianischen Epigrammen, ziemlich unbekümmert sowohl um die Regeln der classischen Metrik als um das Wesen der Deutschen Prosodie zu Werke gegangen. Als nun strengere Foderungen, besonders durch Voß praktisch und theoretisch, aufgestellt wurden, so lehnte er sich anfangs dagegen auf, und sagte mir einmal, lieber als sich solchen Zwang auflegen zu lassen, wolle er darauf Verzicht leisten, Hexameter zu schreiben. Ich erwiederte: damit werde das Publicum übel berathen seyn; ihm müsse von Rechts wegen das Privilegium zustehen, in der gleichen Ungebundenheit wie bisher fortzudichten. In der Folge fühlte er jedoch selbst, daß matte Rhythmen und holpriche Scansion dem Schwunge und Wohlklange eines Gedichtes großen Abbruch thun. Er wünschte daher die Elegien in Bezug auf den Versbau mit mir durchzugehen, wir widmeten diesem Geschäft einige Vormittagsstunden. Den Bleistift in der Hand zeichnete er alle Bemerkungen an, und war ungemein nachgiebig, während ich hingegen rieth, lieber metrische Fehler stehen zu lassen, als an der Anmuth und Leichtigkeit des ersten Wurfes etwas zu verderben. Bei Vergleichung des ersten Abdrucks der Elegien und Epigramme in den Horen und dem Musen-Almanach auf 1796 mit den späteren Ausgaben wird man daher verhältnißmäßig nur wenige Veränderungen von Belang, meistens bloße Umstellungen, finden.

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