Normalzeugnis Zeugnis

Campagne in Frankreich. November 1792 (WA I 33, 206)

Zu Mittag in dem Gasthof etwas spät angekommen saß ich am Ende der langen Tafel; Wirth und Wirthin, die mir als einem Deutschen den Widerwillen gegen die Franzosen schon ausgesprochen hatten, entschuldigten daß alle guten Plätze von diesen unwillkommenen Gästen besetzt seien. Hiebei wurde bemerkt, daß unter ihnen, trotz aller Erniedrigung, Elend und zu befürchtender Armuth, noch immer dieselbe Rangsucht und Unbescheidenheit gefunden werde. Indem ich nun die Tafel hinauf sah, erblickt’ ich ganz oben, quer vor, an der ersten Stelle einen alten, kleinen, wohlgestalteten Mann von ruhigem, beinahe nichtigem Betragen. Er mußte vornehm sein, denn zwei Nebensitzende erwiesen ihm die größte Aufmerksamkeit, wählten die ersten und besten Bissen ihm vorzulegen und man hätte beinahe sagen können, daß sie ihm solche zum Munde führten. Mir blieb nicht lange verborgen, daß er vor Alter seiner Sinne kaum mächtig, als ein bedauernswürdiges Automat, den Schatten eines früheren wohlhabenden und ehrenvollen Lebens kümmerlich durch die Welt schleppe, indessen zwei Ergebene ihm den Traum des vorigen Zustandes wieder herbeizuspiegeln trachteten. Ich beschaute mir die übrigen; das bedenklichste Schicksal war auf allen Stirnen zu lesen: Soldaten, Commissäre, Abenteurer vielleicht zu unterscheiden; alle waren still, denn jeder hatte seine eigene Noth zu übertragen, sie sahen ein gränzenloses Elend vor sich. Etwa in der Hälfte des Mittagsmahles kam noch ein hübscher junger Mann herein, ohne ausgezeichnete Gestalt, oder irgend ein Abzeichen, man konnte an ihm den Fußwanderer nicht verkennen. Er setzte sich still gegen mir über, nachdem er den Wirth um ein Couvert begrüßt hatte, und speis’te was man ihm nachholte und vorsetzte mit ruhigem Betragen. Nach aufgehobener Tafel trat ich zum Wirth, der mir in’s Ohr sagte: Ihr Nachbar soll seine Zeche nicht theuer bezahlen! Ich begriff nichts von diesen Worten, aber als der junge Mann sich näherte und fragte: was er schuldig sei? erwiderte der Wirth, nachdem er sich flüchtig über die Tafel umgeschaut, die Zeche sei ein Kopfstück. Der Fremde schien betreten und sagte: das sei wohl ein Irrthum, denn er habe nicht allein ein gutes Mittagsessen gehabt, sondern auch einen Schoppen Wein; das müsse mehr betragen. Der Wirth antwortete darauf ganz ernsthaft: er pflege seine Rechnung selbst zu machen und die Gäste erlegten gerne, was er forderte. Nun zahlte der junge Mann, entfernte sich bescheiden und verwundert; sogleich aber lös’te mir der Wirth das Räthsel. Dieß ist der erste von diesem vermaledeiten Volke, rief er aus, der schwarz Brot gegessen hat, das mußte ihm zu Gute kommen. In Duisburg wußte ich einen einzigen alten Bekannten, den ich aufzusuchen nicht versäumte; Professor Plessing war es, mit dem sich vor vielen Jahren ein sentimentalromanhaftes Verhältnis anknüpfte, wovon ich hier das Nähere mittheilen will, da unsere Abendunterhaltung dadurch aus den unruhigsten Zeiten in die friedlichsten Tage versetzt wurde.

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