Normalzeugnis Zeugnis
J. H. W. Tischbein, Aus meinem Leben (Schiller 2, 87)
Am 22. Februar 1787 reisete ich mit Goethe von Rom nach Neapel. Es wurde mir leicht, ihn auf alles Sehenswürdige aufmerksam zu machen, was sich auf diesem Wege zeigte, den ich schon ein Mal zurückgelegt hatte, da mir die schönsten Stellen noch lebhaft in der Erinnerung waren. Fast jeder Stein von den alten verfallenen Gräbern in der Nähe und Ferne wurde begierig aufgesucht und in’s Auge gefaßt. Zunächst ging es den Hügel hinan, worauf Albano liegt und wo man eine große Fläche des Tiberthales übersieht. Diese Hügel gaben Rom die große Mauer und machten es zu dem, was es wurde. Der Weg geht bergauf und ab. Unser Vetturino machte vor einer Osteria Halt, welche an einem abhängigen Wege lag. Wir standen eben an der steilen Wand dieses Hohlweges, um die verschiedenen Erdlagen zu betrachten, als wir plötzlich ein Geräusch dicht hinter uns vernahmen. Indem ich mich umwandte, sah ich einen Wagen mit Ochsen bespannt den schrägen Abhang herunterlaufen. Der Wagen drückte so gewaltig auf die Ochsen, daß sie ihn nicht aufhalten konnten. Dicht zwischen unserer Sedia und uns durch stürmte er herunter und der Führer lief ganz bestürzt hinterher. Man denke sich meinen Schreck! Ich, der Begleiter und Schützer von Goethe, hatte mir ja vorgesetzt, ihn zu hüten, wie eine Mutter ihren Säugling, dieses Kleinod für die Welt, diesen lieben Freund, und nun wäre er fast in einer Minute gerädert worden und ich mit ihm! Unser Vetturino, der den Wagen herunterstürmen sah, kam herangestürzt, um seine Pferde zu retten; aber ehe er sie zur Seite lenken konnte, jagte der Ochsenwagen schon vorbei. Wäre dieser auf sein Fuhrwerk gestoßen, so war Alles zertrümmert. Der Vetturino blieb wie versteinert stehen und biß sich auf die Finger, den Ochsenführer mit grimmigem Zorne anschauend, und sagte fluchend: „Per Christo ed i Santi! Könnten es alle Heiligen im Himmel Einem verdenken, einen Mord zu begehen! Was hindert mich, Dir eine Coltellata zu geben?“ Der erschrockene Ochsenführer konnte sich noch nicht von seinem Unglück erholen, als ihn der erzürnte Vetturino in noch größere Gefahr setzte. Er blieb in so demüthiger, gebückter Stellung, wie ein von aller Hülfe Verlassener, da, wo die tollen Ochsen zu rennen aufgehört hatten, stehen, daß er Mitleid erweckte. Der Vetturino fing nun an ruhiger zu werden, biß sich aber noch immer auf die Finger und sagte: „Es ist ein Jammer, wenn Einer Lenkseile über Ochsen hat und weiß sie nicht zu führen!“ – Die Gefahr war indessen so blitzesschnell vorübergegangen, daß Goethe sie kaum bemerkt hatte.
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