Brief
Von Friedrich Schiller (26. Dezember 1797)
Die Gegeneinanderstellung des Rapsoden und Mimen, wie sie G. in seinem Aufsatz "Über epische und dramatische Dichtung" vornehme, scheine S. ein sehr glücklich gewähltes Mittel, um der Verschiedenheit beider Dichtarten beizukommen und Mißgriffe bei der Wahl des Stoffes und der Dichtungsart zu vermeiden. Ein zweites Kriterium für diesen Unterschiedsehe S. in folgendem: Die dramatische Handlung bewegt sich vor mir, um die epische bewege ich mich selbst, und sie scheint gleichsam stille zu stehen. Ausführliche Erläuterungen dieses Gedankens führen S. zu der Feststellung, daß der Epiker seine Begebenheit als vollkommen vergangen, der Tragiker die seinige als vollkommen gegenwärtig zu behandeln habe. Daraus entstehe zugleich ein reizender Widerstreit der Dichtung als Genus mit der Species derselben. Die Dichtkunst, als solche mache einmal alles sinnlich gegenwärtig und nötige so auch den epischen Dichter, das Geschehene zu vergegenwärtigen. Zum anderen mache die Dichtkunst alles gegenwärtige vergangen und zwinge damit den Dramatiker, die individuell auf uns eindringende Wirklichkeit von uns entfernt zu halten. Die Tragödie in ihrem höchsten Begriffe werde immer zu dem epischen Character hinaufstreben, und nur dadurch werde sie zur Dichtung. Umgekehrt werde das epische Gedicht immer zu dem Drama herunterstreben und ebenfalls nur dadurch den poetischen Gattungsbegriff ganz erfüllen. Das Merkmal, durch das die poetischen Werke specifiziert und einander entgegen gesetzt werden, bringe immer einen von beiden Bestandtheilen des poetischen Gattungsbegriffs in Gedränge, bei der Epopee die Sinnlichkeit, bei der Tragödie die Freiheit. Das Gegengewicht gegen diesen Mangel bestehe in einer Eigenschaft, welche das specifische Merkmal der entgegengesetzten Dichtart ausmacht. Jede wird also der andern den Dienst erweisen, daß sie die Gattung gegen die Art in Schutz nimmt. Die Kunst bestehe darin, daraus keine Vermischung und Grenzverwirrung entstehen zu lassen. "Hermann und Dorothea" habe, an dem reinen strengen Begriff der Epopee gemessen, eine gewiße Hinneigung zur Tragödie. Umgekehrt tendiere die "Iphigenie", verglichen mit dem strengen Begriff der Tragödie, zum Epischen. Während jedoch dadurch die Wirkung der "Iphigenie" gemindert werde, sei bei "Hermann und Dorothea" die Hinneigung zur Tragödie offenbar kein Fehler, wenigstens dem Effekte nach ganz und gar nicht.
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