Normalzeugnis Zeugnis
J. v. Wickede nach Tagebüchern eines preußischen Artillerieoffiziers (Wickede2 1, 92 ff.)
In Trier, wo ich mich wohl an fünf Tage aufhalten mußte um weiteren Befehl zu erwarten, machte ich zuerst ... die nähere Bekanntschaft eines Herrn Goethe, der als Geheimsecretär bei dem Herzoge Carl August von Sachsen-Weimar angestellt war, und nun seinem Herrn in das Feldlager nachreiste. Ich hatte schon vorher gehört, daß dieser Goethe ein sehr berühmter Schriftsteller sein solle, der bereits mehrere Ritterschauspiele die allgemein gefielen, und auch einen sehr empfindsamen und überschwenglichen Liebesroman „Werthers Leiden“ geschrieben habe. Da mich aber Alles, was das Theater anbetrifft niemals nur das Allermindeste interessirte, und ich auch weder Zeit noch Lust dazu hatte, meine Freistunden mit der Lectüre empfindsamer Liebesromane, in denen die Menschen doch nicht, wie sie nun einmal sind, sondern nur wie sie in der Phantasie der Herren Poeten ausgedacht werden, zur Schilderung kommen, zu benutzen, so hatte ich von Goethe noch nicht das Mindeste gelesen, als ich jetzt seine Bekanntschaft machte. Als man mir zuerst sagte, daß ich jetzt häufig mit diesem Herrn zusammen sein und ein gleiches Quartier theilen müsse, da ich ja auch zur Suite des Herzogs von Sachsen-Weimar befohlen war, so empfand ich anfänglich einige Abneigung, wie ich offen gestehen muß. Ich hatte mir diese Herren Poeten bisher immer nur als so eine Art äußerlich und sittlich verkommener Menschen gedacht, welche in langen, ungekämmten Haaren, unrasirten, ja selbst oft ungewaschenen Gesichtern und schäbig-nachlässiger Kleidung umherliefen, nichts Tüchtiges gründlich gelernt hatten und doch dabei mit arroganter Frechheit über alle möglichen Dinge urtheilten, und ihre ganze Zeit damit zubrachten, Verse zu dichten und unnütze Romane zu schreiben ...
Anständige Herren, und nun gar wir Officiere, verkehrten mit dieser Sorte von Menschen selbstverständlich nicht im mindesten, und so konnte ich denn auch nicht begreifen, daß der Herzog von Sachsen-Weimar, sich solch einen Poeten in das Feldlager hatte nachkommen lassen und ich nun sogar das Quartier mitunter mit ihm theilen solle. Wie überrascht war ich nun aber, als ich diesen Herrn Goethe persönlich zuerst kennen lernte. Es war ein ungemein stattlicher, ansehnlicher auf das eleganteste angekleideter Mann in den besten Jahren, der mit einem so vornehmen Wesen auftrat, daß man ihn wirklich eher für einen Prinzen, als für einen bürgerlichen Secretarius hätte halten können. Er hatte etwas sehr Selbstbewußtes in seinem ganzen Benehmen, und die Worte flossen dabei so schön und gewandt von seinem Munde, daß es immer auf den Zuhörer den Eindruck machte, als höre er aus einem gedruckten Buche vorlesen. Eine gewisse selbstgefällige Eitelkeit war diesem Herrn jedoch nicht abzusprechen, und man merkte es ihm an, daß er durch die Huldigungen, die ihm von allen Seiten und nun besonders gar von den Damen, in oft sehr übertriebener Weise dargebracht wurden, etwas verwöhnt und eitel gemacht sei. So hörte er sich auch zu gern selbst sprechen und hielt wohl mitunter auch Reden die zwar sehr schön klangen, aber ihrem eigentlichen Inhalte nach doch nur leer waren, über Dinge, die er unmöglich verstehen konnte. Ich entsinne mich noch, daß er einst an der Tafel des Herzogs von Weimar einen langen Vortrag über die Artillerie-Wissenschaft und besonders auch über die zweckmäßigste Anlage von Batterien hielt und selbst uns Artillerie-Officiere darüber belehren wollte. So etwas konnte mich denn doch wohl mit Recht verdrießen, und ich sagte: „Nehmen Sie es, verehrtester Herr Legationsrath, denn – diesen Titel führte er dazumals, – nicht übel, wenn ich Ihnen mit pommerscher Gradheit zu antworten mir erlaube, daß bei uns ein altes Sprichwort heißt: „Schuster bleib bei Deinem Leisten.“ Wenn Sie über das Theater, und die Dichtung und noch über viele andere gelehrte oder Kunstsachen reden, so hören wir Alle Ihnen mit dem größten Vergnügen zu, denn dies verstehen Sie aus dem Grunde, und man kann viel von Ihnen dabei lernen. Etwas Anderes aber ist es, wenn Sie über das Artilleriewesen sprechen und nun gar uns Officiere darüber belehren wollen; denn nehmen Sie es nicht übel, davon verstehen Sie auch nicht das Mindeste. Ihre Ansichten über die Verwendung der Geschütze waren vollständig falsch, und wenn ein Officier nach Ihrer Anleitung eine Batterie errichten wollte, so wäre solche gar nicht zu gebrauchen, und er würde entschieden damit ausgelacht werden.“ So sprach ich freimüthig und ohne Scheu und es herrschte anfänglich bei meiner Rede ein gewisses beängstigtes Schweigen unter den meisten Anwesenden, und Mehrere sahen mich sogar ganz entsetzt an, daß ich so einem berühmten Manne wie Goethe damals schon war, so rücksichtslos meine Meinung gesagt hatte. Goethe selbst, ward bei meinen Worten anfänglich ganz roth im Gesicht, ich weiß nicht, ob aus Zorn oder aus Verlegenheit, und seine schönen funkelnden Augen blickten mich starr an. Bald aber gewann er seine volle Geistesgegenwart wieder und sagte lachend: „ Ja, Ihr Herren Pommern seid doch recht freimüthige oder wohl gar grobe Männer, das habe ich so eben an mir selbst nur zu sehr erfahren. – Aber darum keine Feindschaft, Herr Lieutenant. Sie haben mir soeben eine derbe Lection gegeben, und ich werde mich hüten in Ihrer Gegenwart wieder über das Artilleriewesen zu sprechen und den Herren Officieren in ihr Fach zu pfuschen.“ Dabei schüttelte er mir recht herzlich die Hand, und wir blieben nach wie vor die besten Freunde, ja es wollte mir sogar scheinen, als ob Goethe meinen Umgang jetzt noch mehr aufsuchte als dies früher der Fall gewesen war ...
Obgleich der Herzog Carl August einen großen persönlichen Muth besaß, so war er im Uebrigen doch nur ein höchst mittelmäßiger Soldat und hatte nicht das mindeste Führertalent. Er war schon viel zu genial-nachlässig, um sich den strengen Formen wie solche der Soldatenstand nun einmal unerläßlich verlangt, stets auf das Pünktlichste zu fügen ... So auch war er nicht pünktlich in der Zeit und kam wiederholt zu spät. Ich entsinne mich, daß er einmal mit den unter ihm stehenden Truppen über eine Stunde zu spät auf dem befohlenen Rendez-vous-Platz erschien, da er sich von einer gut mit Champagner besetzten Tafel, an welcher Goethe eine sehr witzige Unterhaltung führte, nicht früher hatte losreißen können ...
Am zweiten September kam ich ... zuerst in das feindliche Feuer, und dies ist immer ein sehr wichtiger Tag für jeden Soldaten, an den er sich gewiß sein ganzes Leben hindurch stets erinnern wird. Mag nun Jemand noch so vielen persönlichen Muth und so feste Nerven besitzen, so behaupte ich doch daß es eine leere Renommisterei ist, wenn ein Soldat versichert, er habe das erstemal im feindlichen Feuer gestanden, ohne dabei ein gewisses beängstigendes Gefühl in seiner Brust zu empfinden. Ich hatte früher wohl oft die Stunde herbeigesehnt, in der ich meine erste Waffenprobe für meinen König ablegen könne, und doch, als ich nun in Begleitung des Herzogs von Weimar und auch noch einiger anderer Herren in eine preußische Batterie ging, welche den aus Verdun herausfliegenden feindlichen Geschossen sehr ausgesetzt war, fühlte ich mich gar nicht so recht behaglich. Dabei hatte ich aber die größte Besorgniß, daß der Herzog oder seine Umgebung, unter der sich mehrere lang gediente preußische Officiere, alte Veteranen aus Friedrich’s des Großen Zeiten, befanden, es mir gar am Gesicht ansehen möchten, daß ich eine etwas bleichere Farbe bekommen hätte und mich nicht so ganz gemüthlich fühlte. So scherzte und lachte ich denn möglichst viel mit Goethe, der neben mir ging, und dieser, – der wie ich glaube, auch das Kanonenfieber wo möglich noch mehr als ich empfand, war in gleicher ebenfalls wohl forcirter Lustigkeit. In unserer Batterie, die ein mir bekannter Artillerieofficier befehligte, war es gerade kein sehr gemüthlicher Aufenthalt, denn es war enge und schmutzig dort, einige verwundete Artilleristen, von denen der Eine sehr stöhnte, wurden fortgetragen, und auch das laute Dröhnen unserer Geschütze konnte einem ungewohnten Ohr leicht mißfallen. Merkwürdig war es, daß mein anfängliches ängstliches Gefühl sehr bald verschwand, als ich erst einige Augenblicke bei meinen alten lieben Kanonen, mit denen ich bei Stettin so oft exercirt hatte, verweilte und unsere Artilleristen in ihrer altgewohnten Thätigkeit beobachtete. Auf Goethe schien dies aber ganz anders zu wirken. Der scharf klingende, das Trommelfell wirklich unangenehm berührende Ton der großen Haubitzen, wenn die Bombe aus ihrer Mündung fuhr, berührte ihn so empfindlich, daß er sich beide Ohren mit den Händen zuhielt und so klägliche Gesichter schnitt, daß wir Artilleristen unwillkürlich laut darüber lachen mußten. Er benutzte auch sehr schnell die erste Gelegenheit, sich aus diesem unangenehmen und gefährlichen Orte, – wo seine Gegenwart freilich auch ganz nutzlos war, wieder zu entfernen und hinter weiter abgelegenen Hügeln Schutz zu suchen ...
Am Abend lud ich Goethe ein uns zu besuchen, was dieser auch that und mit dem Marquis Lafayette bald in ein so lebhaftes politisches und philosophisches Gespräch gerieth, daß sie bis in die halbe Nacht hinein plauderten und da ich aus Höflichkeit nicht stören mochte und doch den Lafayette nicht verlassen durfte, so mußte ich auch so lange aufsitzen und langweilte mich nicht wenig dabei, da ich von Vielem worüber die beiden Herren mit einander sprachen, nichts verstand ...
Vor dem Oertchen Malancour, wo wir einen Tag rasteten, bis nach Grandpré ritt ich in Gesellschaft des Herrn Legationsraths Goethe, der seine bequeme Kalesche nun endlich auch verlassen und sich gleich uns Anderen, zu Roß gesetzt hatte. Zwar war es mordschlechtes Wetter, und der Regen strömte nur so vom Himmel, allein trotzdem waren wir Alle in der fröhlichsten Stimmung, wozu der gute Champagnerwein, den wir fast im Uebermaß tranken, auch wohl sein Theil mit beigetragen haben mochte. Ich entsinne mich noch, daß Herr Goethe uns viel von seinem Jugend- und Studentenleben in Frankfurt am Main und Leipzig erzählte, uns allerlei neckische Charaden aufgab und zuletzt in den Gesang der Soldatenlieder die wir sangen, kräftig mit einstimmte ...
Wir marschirten nun durch den Paß von Grandprè im Argonnerwald, den die Franzosen so erbärmlich vertheidigt hatten, weiter in das Innere von Frankreich hinein. Die ungeheure Masse von Bagage mit der wir uns umherschleppten, hatte endlich Se. Majestät unsern König bewogen, den guten Befehl zu ertheilen, daß alle überflüssigen Wagen zurückbleiben sollten ... So mußte auch Herr Goethe seine bequeme Kalesche mit vier davor gespannten Pferden verlassen und sich auf das Roß schwingen wenn er weiter mitkommen wollte. Er machte aber gute Miene zum bösen Spiel, blieb heiter und lustig, und zeigte sich als ausdauernder Reiter und angenehmer Gesellschafter ...
Da wir nun nicht vorwärts konnten und sollten, so geschah das Schlimmste was nur geschehen konnte, es wurde hier bei Valmy eine Art von Waffenstillstand mit den Franzosen geschlossen, und so blieben wir ruhig im Thal stehen und hungerten, und ertrugen Noth und Elend, während unsere Feinde sich ungehindert aus ganz Frankreich verproviantiren konnten ...
So standen wir denn in dem Thal bei Valmy einige nutzlose Tage, die uns mehrere tausend Mann kosteten, als plötzlich der Befehl zum Rückmarsch kam. Ich dachte, ich solle vor Zorn aus der Haut fahren als ich dies erfuhr, und obgleich mir als Officier es nicht erlaubt war, laut gegen einen Befehl den mein Herr und König erlassen hatte, zu murren, so war ich doch sehr ergrimmt. Von den vornehmen Herren die wir bei uns hatten, waren freilich gar manche über diesen Rückmarsch sehr erfreut, da sie hofften den Beschwerden des Feldlebens dadurch bald überhoben zu werden. Selbst der Herr Goethe äußerte sich in ähnlichem Sinne zu mir, kam aber dabei an den Unrechten. Ich war noch so zornig, daß ich ihm ohne Umschweife sagte: Er und Seinesgleichen könnten sich freilich über diesen Rückmarsch freuen, da sie ja überhaupt vollständig nutzlose Personen in unserem Lager gewesen wären, ja uns durch ihre Gegenwart oft sogar mehr Schaden als Nutzen zugefügt hätten, allein jeden ehrliebenden preußischen Officier müßte der Gedanke daß wir nun wieder ohne das Mindeste erreicht zu haben, aus Frankreich abmarschiren sollten, mit der größten Trauer erfüllen. Als ich diese Worte im zornigsten Tone gesprochen hatte, sah mich Goethe einen Augenblick mit seinen großen Augen ganz durchdringend an, dann sprach er aber halb scherzend, halb unwillig: „ Jetzt sehe ich doch, daß der Ruf von pommerscher Grobheit kein durchaus ungegründeter ist,“ worauf er fortging. Einige Tage sprachen wir nun nicht mit einander, dann trat aber bald wieder das frühere herzliche Einvernehmen zwischen uns ein ...
So langten wir ... am 15. October in einem abscheulichen Zustande in Luxemburg an. Hier durfte ich mich zu meiner großen Freude von dem Herzog Carl August von Sachsen-Weimar trennen, denn obgleich er persönlich mir stets ein gnädiger Herr gewesen war und geblieben ist, und ich selbst über nichts zu klagen hatte, so mißfiel mir doch in seiner Umgebung gar Manches. Alle diese Hofschranzen hatten keinen Sinn für die preußische Fahnenehre die hier so schmählich verletzt wurde, und selbst der Herr Goethe konnte, so wie er sich nur wieder in Luxemburg in Sicherheit wußte und eine gute Tafel vor sich hatte, schon auf’s Neue scherzen und alle möglichen Witzeleien machen, als wenn nichts vorgefallen wäre ...
Ich blieb nun noch einige Zeit in Luxemburg und nahm auch vom Herrn Legationsrath Goethe Abschied, der nach einigen Rasttagen, die er hinter den sicheren Mauern gehabt hatte, nach Trier und dann wenn ich nicht irre, den Rhein herunter fuhr.
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