Normalzeugnis Zeugnis
Sophie Tischbein an A. W. Schlegel 14. 12. 1795 (Grenzboten 76 III S. 311.)
Tischbein hatte Ihnen versprochen etwas von Ihrem Abgott zu sagen. Die Zeit hat ihm gefehlt sein Versprechen zu halten und jetzt gibt er mir den Auftrag es zu thun; er meint einem Weibe würde es leichter ein solches Capitel abzu- handeln als einem Man. Nun ich will es versuchen, und sehen ob ich Ihnen begreiflich machen kan, das dieser Halb-Gott (wie Sie ihn zu nennen pflegten) nur ein Mensch ist. Sie fragen mich ob ich seinen Wilhelm Meister gelesen habe? O ja verschlungen habe ich ihn mehr als gelesen so ausserordentlich schön finde ich ihn; aber eben darum verdrießt es mich das ein so schöner und großer Geist auch so einen schwachen Geist zeigen kan. Hören Sie nur und urtheilen Sie. Erst muß ich Ihnen aber sagen das ich ihn wohl im Schauspielhauß gesehen habe, aber nie gesprochen; denn er würdigte uns seines Besuch’s nicht. – Er hat einen jungen Künstler Meyer mit von Italien gebracht gibt ihm Wohnung und den Tisch und hat ihn dem Herzog empfohlen der ihm auch des Jahrs etwas gibt; und Göte sein Plahn ist diesen Menschen in der Folge dort zu fixiren. Was dieser Mensch leisten kan, ist (wie alle Kunstverständige sagen) sehr wenig; auch ist dieß das algemeine Urtheil des dortigen Publikums über ihn. Tischbein hatte ein besonderes Empfehlungs-Schreiben an Göte. Dieser aber empfing ihn sehr kalt, und kam, obgleich halb Weimar Tischbein besuchte, in den ersten 6 Wochen nicht zu ihm; entlich ist er denn doch gekommen, aber immer kalt geblieben, und je mehr Arbeit Tischbein bekam je mehr man mit seiner Arbeit zufrieden war je zurückhaltender wurde Herr Göte; auch hat er es nicht bei der Kälte bewenden lassen sondern wirklich Cabale gegen Tischbein gemacht; es thut mir leyd dieses von ihm sagen zu müßen. Der Herzog so wie die Herzogin äußerten den Wunsch Göte von Tischbein seiner Hand gemalt zu sehen. Tischbein bat ihn um sein Portrait. Wiland, Herder und Pötiger haben ihm dieß sehr gütig zugestanden, Herr Göte aber abgeschlagen. Da nun die Arbeit vor den Hof geendigt war ging Tischbein nochmals zu Göte und bat ihn doch zu kommen und sein Urtheil über die Gemälde zu sagen, und können Sie es glauben? Er ist nicht gekommen. – Was konte anders die Ursache dieser sonderbaren Behandlung sein als Furcht daß seines Protégé Arbeit in Vergleichung mit der von Tischbein seiner zu viel verlihren würde, oder die das Tischbein sein Urtheil über diesen Menschen frei heraußsagen würde, und er auch ebenfals dadurch verlihren würde. Beides verbeßerte nun Göte durch sein Betragen nicht, und Sie selbst werden mir zugestehen, das diese Behandelung keinen edlen Zug in seinem Character bewiß, und dabei sehr viel Menschliches hatte. – Sobald es hieß Tischbein würde den Winter in Weimar bleiben ließ Herr Göte seinen Künstler geschwind nach Italien reisen und nun höre ich wird er wieder zurückkommen. – Mir ist es sehr leid das ich um einer so läppischen Ursache willen um das Vergnügen gekommen bin die Bekandschaft eines Mannes wie Göte gemacht zu haben.
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