Normalzeugnis Zeugnis
Hallwachs nach Marianne Höpfner (GJb 6, 345)
Eines Tags meldete sich ein junger Mann in vernachlässigter Kleidung und mit linkischer Haltung zum Besuche bei Höpfner mit dem Vorbringen an, er habe dringend mit dem Herrn Professor etwas zu sprechen. Höpfner, obgleich damit beschäftigt, sich zum Gang in eine Vorlesung vorzubereiten, nahm den jungen Mann an. Die ganze Art und Weise, wie sich derselbe beim Eintreten und Platznehmen anstellte, liess Höpfner vermuthen, dass er es mit einem Studenten zu thun habe, der sich in Geldverlegenheiten befinde. In dieser Ansicht wurde Höpfner dadurch bestärkt, dass der junge Mann damit seine Unterhaltung anfing, in ausführlichster Weise seine Familien- und Lebensverhältnisse zu schildern, und dabei von Zeit zu Zeit durchblicken liess, dass diese nicht die glänzendsten seien. Gedrängt durch die herannahende Collegstunde entschloss sich der Professor sehr bald, dem jungen Mann ohne Weiteres eine Geldunterstützung zufliessen zu lassen und damit zugleich der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen. Kaum gab er jedoch diese Absicht dadurch zu erkennen, dass er nach dem Geldbeutel in seiner Tasche suchte, so wendete der vermeintliche Bettelstudent das Gespräch wissenschaftlichen Fragen zu und entfernte sehr bald den Verdacht, dass er gekommen um ein Geldgeschenk in Anspruch zu nehmen. Sobald der junge Mann bemerkte, dass der Herr Professor eine andere Ansicht von ihm gewonnen, nahm das Gespräch jedoch die alte Wendung und die Andeutung des Studenten, dass es schliesslich doch auf das Verlangen nach einer Unterstützung abgesehen sei, wurde immer verständlicher. Nachdem Höpfner auf diese Weise ein und das andere Mal sich in der Lage befunden hatte, dem jungen Manne Geld anzubieten und dann wieder davon abstehen zu müssen glaubte, entfernte sich der Student rasch und liess den Herrn Professor voll Zweifel und Vermuthung über diesen räthselhaften Besuch zurück.
Als Höpfner am Abend desselben Tages, doch etwas später wie gewöhnlich in das Lokal trat, wo sich die Professoren der Universität gesellschaftlich zusammen zu finden pflegten, fand er daselbst ein vollständiges Durcheinander. Die ganz besonders zahlreiche Gesellschaft war um einen einzigen Tisch herum gruppirt, theils sitzend, theils stehend, ja einige der gelehrten Herren standen auf Stühlen und schauten über die Köpfe ihrer Collegen in den Kreis der Versammelten hinein, aus dessen Mitte die volle Stimme eines Mannes hervordrang, der mit begeisterter Rede seine Zuhörer bezauberte. Auf Höpfners Frage, was da vorgehe, wird ihm die Antwort: Goethe aus Wetzlar sei schon seit einer Stunde hier. Die Unterhaltung habe nach und nach sich so gestaltet, dass Goethe fast allein nur spräche und alle verwundert und begeistert ihm zuhörten.
Höpfner voll Verlangen den Dichter zu sehen, besteigt einen Stuhl, schaut in den Kreis hinein und erblickt seinen Bettelstudenten zu einem Götterjüngling umgewandelt. Höpfners Erstaunen lässt sich denken.
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