Normalzeugnis Zeugnis
Gleim an F. H. Jacobi 21. 11. 1781 (GJb 28, 241)
Ich wünschte mein Theurer, Sie hätten mich nicht zum Vertrauten Ihres Vorfalls Woldemars Kreuzerhöhung mit Göthen gemacht. Sie wusten ohne Zweifel was ich halte von Göthen – Bruder Johann Georg flog hin nach Weimar Göthen kennen zu lernen, kam zurück, er hätte, sagt’ er den Engel kennen gelernt, Heinse lernt ihn kennen, war entzükt von ihm und Lavater bis in den dritten Himmel – Alle meine Freunde waren sterblich in den Engel Göthe verliebt. In s. Schriften aber fand ich keinen Engel – Götter Helden und Wieland – Göthens Werk, er sage was er wolle, wieß? ihn mir aus zweyen Köpfen, den einen eines Engels, denn fast alle Menschen sagten mit Lavater, Göthe sey ein wunderschöner Mann, den andern eines bösen Geistes. Ich kam nach Weimar – Seit dem mein lieber hör ich gern nicht reden von dem großen Göthen – Eine halbe Stunde bey dem Prinz Constantin an der Tafel schien er mir ein guter Mann zu seyn, ich fing schon an zu wiederlegen mich selbst und andre die mir böses sagten von Göthen; der Engel aber verschwand nach dieser selben Stunde, stehend, an einem Zeltpfal sah ich bald darauf den zweyten Göthen mit dem zweyten Kopf, sein Auge wenn er mich an sahe war das Auge – kan ich doch so gleich mich nicht besinnen auf den bösen Geist der Meßiade, der ein Auge hat, wie Göthe. Kurz, mein lieber! Danck sey meinem Gott! daß ich Göthen Freund nicht ward, ich wäre mit ihm verfallen, ärger als mit Spalding und Ramler.
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