Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger, *Lit. Zustände 1, 44
Goethe am 23. 3. 1792: In der Küche wusch Cagliostros Schwester eben das Eßgeschirr auf, und deckte sogleich beim Eintritt der Fremden, die hier durch die Küche in die Wohnstube passiren mußten, durch Überschlagen der Schürze den noch weniger abgetragenen und verschossenen Vordertheil ihres Rocks auf. In dem Wohn- und Familienzimmer, die ganze Familie hatte nur dieß einzige, sah alles ärmlich, doch reinlich aus. Schwarze Heiligenbilder hingen an der Wand, die einst gefärbt gewesen waren. Die Rohrstühle waren einst vergoldet gewesen. Ein einzigs Fenster erleuchtete das Zimmer, an dessen einem Ende die alte harthörige Mutter, an dem andern eine kranke schlafsüchtige Frau saß, die man in der Familie, trotz alles eigenen Mangels, aus Barmherzigkeit unterhielt. Göthe mußte nun der alten Mutter die Nachricht von ihrem Sohne weitläuftig verdolmetschen lassen, da er des gemeinen Dialects der Sizilianer nicht ganz kundig war. Die Schwester, die selbst schon 3 erwachsene Kinder hatte, u. eine arme Witwe war, erzählte, daß es ihr kränkend sey, daß ihr ihr Bruder, der große Schätze besitzen solle, nicht einmal die 13 Unzie d’oro (Dukaten) wieder schicke, womit sie ihm bei seiner lezten Abreise aus Palermo seine versetzten Sachen eingelößt habe. Fragen an Göthe, ob er nicht das Rosalienfest in Palermo abwarten wolle, ob er einen Brief an ihren Bruder nach England bestellen wolle. Die alte Mutter fragt, ob er wohl ein Ketzer sei u.s.w. Beim Abschied, der schon sehr traulich war, verspricht Göthe, morgen wieder zu kommen, und den Brief selbst abzuholen. Er kommt auch den andern Tag wirklich wieder, u. erhält einen Brief, und einen pathetischen (rührend geschilderten) mündlichen Auftrag von der alten Mutter, die keinen ganzen Mantel mehr hat, um in die Messe gehn zu können. Beim Abschied rührende Zunöthigung, das Fest der Heil. Rosalia noch in Palermo u. in Gesellschaft dieser guten armen Leute zu feiern ... Als beim ersten Besuch bei der Familie Göthe mit seinem Begleiter ins grose, leere Gemach eingewiesen worden war, so verweilt die Schwester, die sie in der Küche angetroffen hatten, noch etwas in der Küche. „Als sie hereintrat, erzählte Göthe, hatte sie eine reine weise Schürze umgethan, und statt der klappernden Korkpantoffeln Schuhe mit einem rothen Bändchen angezogen. Sie setzte sich mir schief über, stemmt beide Hände auf die Knie, und befühlte nun so vorwärts gebogen mit arglosem, unbeleidigendem Blick jede Muskelbewegung des ihr fremden Mannes.“
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