Normalzeugnis Zeugnis
W. v. Humboldt an Schiller 12. 10. 1795 (SNA 35, 378)
Von Göthe höre ich hier allerlei possierliche Geschichten erzählen, die von zwei getauften Jüdinnen, die mit ihm in Carlsbad waren, herkommen. Außerdem daß er ihnen soll erstaunlich viel vorgelesen, in Stammbücher und auf Fächer geschrieben, und ihre Productionen corrigirt haben, erzählt auch die eine, die sonst ein sehr schönes Mädchen war, daß er ihnen die einzelnen Gelegenheiten erzählt habe, die ihn zu den Elegien veranlaßt, namentlich die zu dem Vers: und der Barbar beherrscht Römischen Busen und Leib! Dieß läßt doch wohl auch auf die Unterwürfigkeit des Jüdischen schließen, nicht wahr? Uebrigens aber, obgleich diese mit vieler Indiscretion herumgetragnen Geschichtchen Göthes Bild hier mit einigen neuen Zügen ausgestattet haben, finde ich es äußerst vernünftig, einige sogenannte aufgeklärte Männer und denkende Köpfe von hier, die zugleich da waren, und über ihre Zurücksetzung sehr mismuthig schienen, vernachlässigt, und diese Getauften erwählt zu haben, die in der That, viel Pretiöses und Affectirtes abgerechnet, recht geistvoll und angenehm sind. Sie sollen auch, wie sie erzählen, bei dem erwarteten neuen Ankömmling in Weimar Pathenstelle vertreten.
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