Normalzeugnis Zeugnis

F. L. Graf zu Stolberg an Katharina Gräfin zu Stolberg 11. 6. 1784 (Janssen 1, 160)

In Weimar ward uns von Herzen wohl. Goethe war ganz der alte geist- und liebevolle Goethe und fühlte sich um neun Jahre verjüngt. Er ist zwar noch nicht alt, just zwischen meinem Bruder und mir, aber acht Jahre fataler Geschäfte sind doch keine kleine Zeit ... Goethe hat dicht bei der Stadt ein Gartenhäuschen, in einem Wäldchen am Fluß bei Felsen. Durch unendlich schöne Felsengänge geht man hin. Hier hat er drei Jahre Winter und Sommer gewohnt. Oft ging er im Mondschein durch die Felsengänge aus der lärmenden Stadt zurück, oft im Winter über tiefen Schnee beim Glanz der Fackel. Da schwand ihm das Gewirr des Tages schnell und hohe Erscheinungen gingen in ihm auf. Mehrere Geschäfte zwangen ihn, diese süße Einsiedelei zu verlassen. Die höchsten Rosenstöcke, die ich je gesehen, und Gaisblattranken umziehen das ganze Haus und rundumher singen nahe Nachtigallen.

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