Normalzeugnis Zeugnis
Jean Paul an Chr. Otto 27. 1. 1799 (Berend3 3, 151)
Als ich zu einem Diner bei Göthe geladen war Schiller zu Ehren, nebst Herder und andern, der ihm aber nicht ein Ölblat, geschweige einen Oelzweig des Friedens, den Göthe gern schlösse, reichte – wurd’ ich und Herder zu Göthes Einfassung gemacht, ich der linke Rahmen und er der rechte; hier sagte mir Göthe, der nur almählig warm werden wil – so ist er gegen Schiller so kalt wie gegen jeden –: „er habe seinen Werther 10 Jahre nach dessen Schöpfung nicht gelesen; und so alles: wer wird sich gern eines vorübergegangnen Affekts, des Zorns, der Liebe etc. erinnern?“ Und so ekelt Herder auch vor seinen Werken ... Ich schämte mich vor ihnen, nicht so zu sein, sagte ihnen aber auch, daß mir meine Sachen zwar sogleich nach dem Abdruk ungemein gefielen – ich kente keine bessere Lektüre –, aber auch vor demselben desto schlechter, weil ich da das Ideal noch nicht vergessen hätte.
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