Normalzeugnis Zeugnis
Böttiger, Memorabilie über J. H. Voß’ Besuch in Weimar 1794 (Morgenblatt 9. 8. 1857, S. 756)
Voß trat mit dem festen Vorsatz in Wielands Haus ein, durchaus niemand außer Wieland in Weimar zu sehen, weil er, sagte er, nicht gekommen sey, um anzubeten. Wieland hätte gern gleich den ersten Mittag Goethen zu sich gebeten, aber Voß setzte sich mit aller Macht dagegen und zog sogar Wielands Frau in’s Spiel, um durch diese Goethes gefürchtete Erscheinung abzuwenden. Sein Widerwille gegen Goethe kam daher, weil er sich ihn als einen aufgeblasenen Geheimerath dachte, und es ihm durchaus nicht verzeihen konnte, daß er sich durch den Adelsbrief „unehrlich“ gemacht habe. Lange blieb Wielands Beredtsamkeit fruchtlos. Vergeblich stellte er seinem Gaste vor, daß Goethen vom Herzoge der Adel gewissermaßen aufgedrungen worden sey, damit sein Liebling auf einer vorhabenden Reise an gewissen Höfen präsentabler sey. Erst bei Herder am folgenden Abend lernte Goethe Voßen kennen. Aber Voß gestand auch in den letzten Stunden seines Hierseyns, daß er beschämt über seine Vorurtheile und gestärkt durch den Umgang mit solchen Männern, die er sich ganz anders vorgestellt habe, von hinnen scheide ...
Den 5. Juni Abends bei Herder. – Voß hat sich viel mit Untersuchung über die Entstehung der Wahrsagerei, der Auspicien u.s.w. abgegeben. Es kam die Rede auf den Apollo Sauroktonos (der Eidechsentödter). Dieß, meinte Voß, sey nur eine spätere Kunstdeutung. Der wahre Gedanke bei dieser sehr alten Vorstellung sey, der Prophet lausche, an den Tronk eines Baumes gelehnt, den Eingebungen der zu seinem Ohre herankriechenden Eidechse. Ueberhaupt habe das Alterthum allen Erdthieren und Amphibien Wissenschaft des Verborgenen und allen hochfliegenden Vögeln Kunde der olympischen Rathschläge zugetraut; daher Apollo Smintheus, weil den Mäusen eine große Divinationsgabe für Erderschütterungen und andere in der Witterung gegründete Ereignisse beiwohnen sollte; daher der Glaube an Schlangenweisheit und scharfen Blick (δρακων) in die Zukunft u.s.w.
Ich unterredete mich mit ihm besonders über seine Amtsgeschäfte und äußerliche Lage ... Unter den griechischen Prosaikern, die er am liebsten und häufigsten erkläre, sey Herodot, der an reiner Wahrheitsliebe alle nachfolgende Geschichtschreiber übertreffe. In ihm sey noch die reichste Fundgrube unbemerkter Angaben zur Menschen- und Naturgeschichte. Dieß führte uns auf die alte Geographie, in welcher Voß durch vieljährige Forschungen zu sehr interessanten Resultaten gelangt ist, die er nach und nach auch dem Publikum vorlegen wird. Herodots Geographie sey ganz polemisch und gegen die damaligen Weltkarten gerichtet.
Bald standen wir alle um ihn im Kreise. Seine homerische Weltkarte aus der Odyssee war auf den Tisch gelegt und er demonstrirte uns darauf alle Irrsale des Ulysses außerordentlich klar und scharfsinnig. Homers Zeitgenossen dachten sich die Erdfläche ganz cirkelrund und theilten sie sich in zwei Hälften, in die nördliche Nacht- und in die südliche Tagseite. Die dicke atmosphärische Luft ruht convex auf diesem Teller, gerade so wie das Uhrglas auf dem Zifferblatte einer Taschenuhr. Der umringende seichte Oceanfluß umgibt die Scheibe, und fließt im Osten beim Kaukasus durch den Phasis in das schwarze Meer, und im Westen, da wo wir später die Säulen des Hercules hinsetzen, in das Mittelmeer ein. Dort taucht auch Helios, wenn er den Tag über seinen Lauf durch den Dunstkreis vollendet hat, unter, und wird sogleich in einem großen magischen Becher um die nördliche Hälfte des Oceans wieder zu seinem Palast am Aufgang und Einfluß des Oceans gebracht, wo er Nachtruhe hält, früh seine Flügelpferde im Sonnensee (Limne) abschwemmt, und nun seine neue Arbeit rastlos beginnt. Da er während seines Laufes nie so hoch kommt, daß seine Strahlen über die nördliche Bergkette hinübergleiten könnten, so ist da lauter Nacht und der Wohnsitz der Cimmerier. Beim leukadischen Felsen strömt ein Arm des Oceans in die Unterwelt und wird da zum Styx, der die Unterwelt eben so umkreiset, wie der Oceanus die Oberwelt. Um die Irrfahrten des Ulysses ganz zu verstehen, kommt nun alles darauf an, daß man annimmt, Homer habe die Insel Aeolia für eine schwimmende Insel gehalten, die Ulyß das erstemal vor Trinakria fand, und als er vom Aeolos die Samen der Winde (wie jetzt noch die Grönländer einen ähnlichen Aberglauben haben) in einem Schlauche empfangen, diese aber durch die Unvorsichtigkeit seiner Gefährten wieder eingebüßt hatte, bei seiner Rückkehr durch eben den Windstoß, der sein Schiff zurückwarf, auch selbst weit hinter Trinakria zurückgetrieben fand. Daher heißt sie πλωτη (Odyssee 11, 1 ff.). Schwimmende Inseln waren im hohen Alterthum sehr gewöhnlich. Man denke an Delos und die Erdscholle der Argonauten, aus der Thera wurde. Ein zweiter Hauptpunkt ist die der westlichen Einströmung ganz nahe Lage von Trinakria und die sonderbare Verrückung des Dreiecks dieser Insel, indem sich Homer die Ostseite von Pelorum bis Pachynum als die Südseite und die Südseite von Pachynum bis Lilybäum als die Westseite dachte. Daraus läßt sich erst die Wohnung der Cyklopen erklären, so wie aus der ganz nach Westen verrückten Lage der Insel selbst der Umstand, daß sie dem Sonnengott, der dort einen Abendpalast hatte, heilig war. Nach einer Stelle des Strabo scheint auch dieser von solcher irrigen Vorstellung nicht frei gewesen zu seyn. (Dawider nahm ich mir aber die Freiheit, einige nicht unerhebliche Einwürfe zu machen.)
Die Vorstellung einer tellerförmigen Erdfläche geht bis auf die Zeiten der Pythagoräer. Philolaus scheint zuerst eine Kugel gedacht zu haben. Früher änderte man seine Vorstellungen nur immer darin, daß man sich die Erdfläche nicht mehr cirkel- und tellerförmig, sondern als ein Oblongum dachte, indem sich der Kreis der Länderkunde gegen Osten und Westen immer mehr ausdehnte. Hesiodus fordert schon eine ganz neue Erdtafel. Er kannte schon die adriatische See und die wahre Lage Italiens durch die Phocäer. Zum Behufe dieser hesiodischen Welttafel ließ sich Voß durch einen seiner Freunde alle Fragmente des Hesiodus sammeln und erhielt deren an zweihundert, wovon kaum die Hälfte in den gewöhnlichen Ausgaben steht. Noch glaubt er nicht alle Bruchstücke dieses Dichters beisammen zu haben, und doch darf er nicht eher Hand an’s Werk legen, als bis diese Fragmentensammlung ganz vollständig ist. Aeschylus und sein Zeitalter fordern eine dritte Welttafel. Sein Prometheus gibt schon einen Periplus des schwarzen Meers und erweiterte Bekanntschaft mit Westeuropa. Nun tritt die Periode von Hekatäus bis Herodot ein. Herodots sonderbare Vorstellung von den zwei korrespondirenden Flüssen, dem Ister und dem Nil. Bis zu Alexanders Zeiten hatte man keine deutliche Vorstellung von den indischen Gewässern; man glaubte, das hinterste Indien hänge mit Libyen und Aethiopien zusammen und das rothe Meer sey von allen Seiten von Land eingeschlossen. Aus dieser noch immer sehr engen Vorstellung von der Erdfläche muß man Alexanders Welteroberungsplan erklären. Nach dem, was die Griechen von Oberasien wußten, mußte es Alexandern sehr leicht dünken, nicht allein bis an der Welt Ende zu kommen, sondern auch hinten herum nach Afrika zu gelangen. Daher das Erstaunen und Murren der Macedonier, da sie das alles ganz anders fanden, und daher auch die Entdeckungsreise Nearchs auf Alexanders Geheiß. Ja man kann behaupten, daß selbst Columbus Entdeckungsreisen auf diese irrige Vorstellung gegründet waren, daß Ostasien und Westeuropa nicht so gar weit von einander entfernt seyn könnten.
Ueber Pytheas aus Marseille. Er ist weit weniger Großsprecher und Lügner gewesen, als man gewöhnlich glaubt. Aber die Karthager haben mit merkantilischer List die ungereimtesten Wundergeschichten ersonnen. Sie sprachen von gräßlichen Seeungeheuern, die sie im nördlichen Ocean zu bekämpfen hätten, verbargen die eigentliche Beschaffenheit der Cassiteriden, und entschädigten einen Kauffahrer auf öffentliche Kosten, der, um seine Fahrt den spionirenden Römern zu verhehlen, absichtlich gestrandet war. Sie erdichteten fabelhafte Periplos um Afrika, um den Griechen das Maul damit zu schmieren. – Im Eridanus hat sich die älteste Sage vom Rhein erhalten. An dessen Ausflüssen fanden die Phönizier den Bernstein, nicht in der Ostsee. Später dachte man sich einen dreifachen Eridanus aus Einer Quelle in der Gestalt eines lateinischen Y: der Rhein, die Rhone und der Po.
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Nun wurde Licht gebracht und Voß hielt wieder eine Vorlesung aus seiner Odyssee vom fünften Gesang V. 380 an bis zu Ende, und den ganzen sechsten. Gleich anfänglich las er die Stelle (V. 400 ff.), die in seiner Uebersetzung durch Anhäufung rauh klingender Worte sehr hart zu seyn scheint, mit unnachahmlichem Wohllaut vor. Er söhnte uns durch seinen lebendigen Vortrag auf’s neue mit allen seinen Härten aus. Bei Tische äußerte Herder die Muthmaßung, daß Homer vielleicht nur ein nomen collectivum und die Ilias und Odyssee ein künstlich zusammengesetzter Blüthenkranz vieler verloren gegangener Dichter sey. Voß schien darüber im Ernste betreten und vertheidigte die unité und indivisibilité seines Homer mit eben so großem Eifer, als der eifrigste Jako- biner die Einheit der Republik. Ich bemerkte, daß hier sehr viel auf die Frage ankäme, ob Homer die Buchstabenschrift gekannt und diese zum Niederschreiben seiner Gedichte gebraucht habe. Voß behauptete beides. Ich erklärte die σηματα λυγρα in der Geschichte des Bellerophon für kleine Gemälde, Voß für Schrift mit φοινικηιοις, Cadmischen Buchstaben. Ich gab endlich zu, daß Homer wohl den Gebrauch der Buchstaben in kleinen Aufschriften, in ehernen Tafeln u.s.w. gekannt haben könne, daß aber wenigstens in seinen Gedichten keine deutliche Spur davon vorkomme, und daß seine Gesänge gewiß lange durch Rhapsodenüberlieferung und die sogenannten Homeristä fortgepflanzt worden wären. Gegen die Hypothese, daß Homers Ilias erst zu Sparta und Athen von Lycurg und Pisistratus nach und nach zusammengesetzt worden wären, erinnerte Goethe mit Recht, daß dann die Athener gewiß keine so armselige Rolle mit ihren paar Schiffen in der Ilias spielen würden. Herder bedauerte den Verlust des Margites. Wieland schimpfte auf den Chrysostomus, daß er, da er den Aristophanes gerettet habe, nicht auch den Menander vor der Pfaffenwuth mit sicherte. Die ganze Anekdote wurde kritisch bezweifelt, und ich bemerkte, daß sich das ganze Geschichtchen auf eine Erzählung des Manuzzi in der Vorrede vor seiner Ausgabe des Aristophanes gründe, der es wahrscheinlich als eine Ueberlieferung der griechischen Refugiés aus Constantinopel aufgeschrieben habe. Voß bedauerte die Dithyramben des Pindar, und Wieland erzählte hierauf, daß er einst in seiner Jugend einen sehr lebhaften, ihm noch immer unvergeßlichen Traum gehabt habe, in dem es ihm geschienen hätte, als wäre er mit dem Lesen dieser wiedergefundenen Dithyramben beschäftigt, und daß er beim Erwachen über die Vereitlung dieses Traumgesichts ganz untröstbar gewesen sey.
Man sprach weiter über die Charaktere im Homer. Herder rechtfertigte den Achill fast mit eben den Gründen, die er auch im dritten Theile seiner Briefe über Humanität gebraucht hat. Agamemnon sey eigentlich der häßlichste Charakter und das bekannte: ἑις κοιρανος ἐστο, der älteste Schutzbrief des Despotismus, werde dadurch eben nicht sehr gehoben. Thersites spreche die wahre Stimme des Volks und sey das Vorbild aller Demagogen und Sansculottes.
Vom Unterschiede der Odyssee und der Ilias. – Herder führte den Einwurf an, daß in der Ilias bloß die Iris als Botin vorkomme, in der Odyssee bloß Mercur. Dieß wurde von Voß sehr gut dadurch beantwortet, daß die Iris nur kurze Botschaften zu überbringen habe, Mercur in ferne Gegenden. Voß kam auf die Schwierigkeiten zu reden, die dem Leser der Odyssee aufstoßen, wenn er sich ein ganz deutliches Bild vom Palast des Ulysses machen will. Er entwarf einen Grundriß mit einer Bleifeder auf’s Papier. Ich habe mir ihn copirt. Ohne diese deutliche Vorstellung könne man den Mord der Freyer im 22sten Gesange gar nicht verstehen. Besonders undeutlich und durch die Spitzfindigkeiten der Grammatiker verwirrt sey der Ausdruck ὀρσοθυρη. Um ihn ganz zu verstehen, müsse man sich denken, daß das μεγαρον oder der große Conversations- und Speisesaal tiefer eingegraben gewesen, als die übrige Hausflur. So bedeute nun ορσοθυρη eine Thüre, an deren Schwelle man erst durch etliche Stufen hinan komme. Die λαυρη sey um den Saal und die übrigen Gemächer herum gegangen, habe aber noch zum ἐρκος gehört. Man müsse dabei auch nicht vergessen, daß die Treppen auf die oberen θαλαμους (Dachzimmer oder Böden) von außen ganz im Freien hinauf gegangen wären, und daß also ein Freier, der durch die ὀρσοθυρη hinaus schlüpfte, auf eine solche Treppe springen und von da oben hinab auf die Straße hinaus schreien konnte. Den Umstand, daß die Treppe von außen hinauf gehe, erläutere auch das Waffenholen des Telemachos, als Ulysses seine Pfeile verschossen hatte. Die Penelope habe sich gewöhnlich auch im hintern Erdgeschoß aufgehalten, so daß sie durch eine Oeffnung immer sehen konnte, was im Saale vorging; nur wenn sie schlafen oder beten wollte, war sie in den obern Gemächern. Der Boden des großen Saales sey weder gediehlt noch mit Estrich belegt gewesen. Die Lage des Orts, wo die Handmühlen gestanden, lasse sich aus der Stelle bestimmen, wo Ulysses des Nachts nebenan schlafe und die Müllerinnen sprechen höre. Die in einen Vogel metamorphosirte Athene setze sich in das Loch, wodurch der Rauch hinaus zog, καπνοδοκη. Die Pfeile, mit denen Ulysses die Freier erschoß, waren vergiftet, welches in diesem Fall nicht unerlaubt war, wie sonst (Odyss. 1,263). Voß behauptete (gegen Goguet II, 171 deutsche Uebersetzung), daß Odyssee XIX, 34 wirklich schon von einer Oellampe die Rede sey. Ich nehme λυχνος dort doch lieber für eine Art von Kohlbecken.
Vom Homer kam das Gespräch auf alte biblische Geschichten, und da bekam Samuel „der Zweiächsler zwischen einem Esel- und Schafhirten“ sein gutes Theil. Herder bemerkte sehr scharfsinnig, daß Saul nie eine eigentliche Constitution zum König erhalten habe, die erst Salomo durch den Tempelbau wirklich empfing.
Noch erzählte Voß, daß er jüngst eine große Freude gehabt habe, da des Grafen Fritz Stolberg Hofmeister, dem er bei der Reise nach Italien aufgegeben habe, alle Pflüge, die er in Italien anträfe, genau zu betrachten und abzuzeichnen, in der Gegend von Tarent gerade in der Gestalt den Pflug wieder fand, wie ihn Voß nach vielen Modellen und vergeblichen Versuchen selbst herausklügelte. Er wird diesen Fund in der neuen Ausgabe seiner Georgica öffentlich bekannt machen.
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