Normalzeugnis Zeugnis

J. F. Abegg, Tagebuch 3. 5. 1798 (Abegg S. 61)

Fichte ... überreichte ... mir einen unversiegelten Brief an Göthe, dieses Inhalts: „Verehrungswürdiger Herr Geh. R., der Überbringer dieses, Herr Insp. Abegg aus der Pfalz, nach Königsberg reisend, brennt vor Begierde, den Mann, den er mit dem edleren Theile Deutschlands bewundert, persönlich zu verehren ...“ Dabei hatte er mir den 2. Theil seines „Naturrechts“ gegeben, um ihn Göthe zu überreichen. Er gab mir noch den Rath, das Buch nicht mit dem Briefe zugleich abzugeben, sondern dadurch desto eher vor Göthe zu kommen suchen. Ich fuhr mit unendlicher Freude hierher nach Weimar, weil ich nun hoffen konnte, den Mann des Himmels und der Erde persönlich kennen zu lernen. Ich wurde gleich vorgelassen und nach einem sehr wohlwollenden Empfang führte er mich in einen Cirkel, der täglich des Morgens bei ihm sich versammelte. Er fragte mich, ob ich Fichte schon lange kenne, lobte den Fichte, doch, deuchte mir, wie der Vornehmere lobt. Erkundigte sich nach der Absicht meiner Reise, wünschte mir Glück, daß ich durch meinen Bruder eine so interessante Reise machen könnte. Dann fragte er mich, welche Männer ich in Jena kennen gelernt habe. Ich nannte sie ihm. „Den Justiz-Rath Hufeland und D. Paulus“, sagte er, „will ich Sie nachher kennen lehren.“ Bald darauf präsentierte er mich dem Justiz-R. Hufeland, einem Manne, der auf den ersten Blick die feinste Kultur, Gewandtheit und Welt verräth. Er scheint aus der Gegend von Danzig zu seyn. In Danzig ist er sehr genau bekannt, machte mich aufmerksam auf die prachtvolle Gegend umher, wo man die Sonne majestätisch aufgehen und untergehen sehen könne; das Kloster Oliva und noch ein Wäldchen in der Nähe von Danzig. Nun kam auch Paulus, auch mit diesem machte mich Göthe alsogleich bekannt. Ein schwächlicher Mann mit einem schönen großen braunen Auge. Mit diesem unterhielt ich mich sehr lange, ging auch mit ihm im Garten spazieren ... Er machte mich aufmerksam auf alles, was in Göthe’s Haus um mich her war. Das Locale von unten herauf bis in den größeren Assembleensaal ist äußerst geschmackvoll. In dem Zimmer linker Hand sind prachtvolle Gemählde, unter anderem eins, das eine römische Hochzeit vorstellt und zu Rom gefunden worden ist. Auf der vorderen Seite ist ein kleineres Zimmer, wo ein Fortepiano stand, und aus diesem kommt man in einen niedlichen Garten, und aus dessen Thüre tritt man in den Park. Göthe ist einer der schönsten Männer, die ich je gesehen habe. Fast einen halben Kopf größer als ich, sehr gut gewachsen, angenehm dick, und sein Auge ist in der Wirklichkeit nicht so grell als in dem Kupferstich. Ruhe, Selbständigkeit und eine gewisse vornehme Behaglichkeit wird durch sein ganzes Betragen ausgedrückt. Mit keinem von der Gesellschaft unterhielt er sich besonders lange. Er ging aus einem Zimmer ins andere, und machte bald diesem, bald jenem ein freundlich Gesicht. Gegen 11 Uhr kam Iffland auch, der erstaunlich viel dicker geworden ist. Diesen nahm er bei der Hand und führte ihn einige Male auf und ab. Um Iffland stellte sich Justizrath Hufeland und noch ein unbekannter, der ziemlich genienmäßig aussah und sehr laut that. Ich stellte mich auch dazu. Iffland sprach sehr interessant von sich und seinem Spiel ... Auch kamen Hofräthin Schiller; Schiller habe, sagte sie, den Katarrh, und könne nicht ausgehen. Sie scheint eine sehr artige, gebildete Frau zu seyn. Göthe sprach sehr vertraut mit ihr. „Ihr führt mir aber eine wunderliche Haushaltung“, sagte er, und noch mehr in diesem Tone, das ich nicht verstehen konnte. – Jedem Ankommenden wurde Schokolade angeboten, und gegen 11½ Uhr wurde die ganze Gesellschaft in ein prachtvoll verziertes Zimmer geführt, um hier etwas zu genießen. Es standen mit Kunst rangiert allerlei Speisen, Krebse, Zunge etc. und dazu wurde feinster Wein präsentiert. Mich zogen die Gemählde mehr als alles an. Einige, besonders von Angelika Kauffmann, unter anderem die Scene aus der Iphigenie, wo Orest in hellem Wahnsinn die kommende Schwester und Frau begrüßt. „Seyd Ihr auch schon herabgekommen?“ – Nun sammelte man sich wieder in den übrigen Zimmern, und einer um den anderen ging stille fort. Ich ging nun zu Göthe, dankte ihm mit kurzen Worten, denn was sollte ich sagen, und was konnte ich sagen, und er entließ mich mit vielem Wohlwollen. D. Paulus sagte mir, daß er mich im Schauspiel vielleicht noch sprechen würde, und so ging ich nach haus, nachdem ich von 10½ bis 12¾ Uhr einige der fröhlichsten und für mich ewig denkwürdigen Stunden zugebracht hatte, und pries mein Geschick und Fichte, die mir es verschafft hatten. – Noch muß ich bemerken, daß auch in einem Zimmer, wo das Fortepiano stand, gesungen und gespielt wurde. Seinen Knaben, der etwa 10 Jahre alt seyn mag, sah ich auch. Er gleicht ihm in äußerer Bildung in der That sehr viel. Mit der Schwester des Schauspieldichters Vulpius hat er ihn erzeugt, die auch noch um ihn ist. – Es war die Rede von Vorfällen beim Weimarer Theater, an welchem viele lebhaften Antheil nahmen, aber Göthe schien es alles gleichgültig anzuhören. Überhaupt behauptet er Nüchternheit und Erhabenheit, die nur dem vollendetsten Hofmanne möglich sind. Dieser scheint er aber neben seinen anderen unerreichbaren Vorzügen auch zu seyn. – Um 3 Uhr ging ich mit der Addresse von Göthe zu Bötticher.

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