Normalzeugnis Zeugnis
S. G. Dittmar, Unterredung mit Goethe (Gesellschafter 1832, 349)
Nach meiner Rückkunft von Schnepfenthal stattete ich, an demselben Orte im erwähnten Garten, den Bericht über das Erziehungs-Institut dem Herzog von Weimar ab, wie er es verlangt hatte, und bei’m Abtreten äußerte ich mein Bedauern gegen Musäus, den berühmten Goethe nicht gesprochen zu haben.
„Das können Sie noch verbessern“; meinte Musäus. „Wenn Sie jetzt Nachmittags gegen 6 Uhr zu ihm gehn, will ich Sie begleiten.“ Dieses Anerbieten nahm ich dankend an. „Melden Sie sich nur als der Studiosus, den er im Stern, vor acht Tagen, zuerst auf der Linde gesehen hätte, dann nimmt er Sie gewiß an. Der Salto mortale von einem Hofrath auf den Lindengipfel hat ihm gefallen, und wir haben ihre damalige Standeserhöhung herzlich belacht.“ Unter der von Musäus angerathenen Adresse ließ ich mich bei Goethe anmelden.
„Sie kommen von Ihrer Schnepfenthaler Reise zurück?“ – fragte mich der damals noch in der Blüthe seines männlichen Alters stehende Goethe. (Er war erst 37 Jahr alt.) „Haben Sie Ihre Wißbegierde befriedigt?“ – Ich erzählte ihm Alles, was mich von dem Salzmannschen Erziehungs-Institut interessirt hatte. Mein Vorschlag, den ich dem Prof. Salzmann gethan, die Naturgeschichte den Kindern in den Abendstunden, mittelst einer Laterna magica, zu lehren, gefiel ihm besonders. „Er hat einen Bruder in Erfurt“, erwähnte Goethe, „der ein geschickter Thier-Maler ist, der ihm die unvernünftige Welt zu diesem Behufe auf Glas malen könnte. So wahr und gut es wäre“, fuhr Goethe fort, „den Kindern frühzeitig Geographie zu lehren, so bin ich doch der Meinung, daß man mit den nächsten Umgebungen der bildenden Natur zuerst anfangen müßte. Alles was auf ihre Augen und Ohren Eindruck macht, erregt ihre Aufmerksamkeit. Sonne, Mond und Sterne, Feuer Wasser, Schnee, Eis, Wolken, Gewitter, Thiere, Pflanzen und Steine sind die besonders wirksamsten Eindrücke auf das kindliche Gemüth. Kinder haben Mühe, die von Menschen gebildeten Formen von den natürlichen Gestalten zu unterscheiden, und es wäre nicht zu verwundern, wenn sie den Vater fragen: wie machst du die Bäume?“
„Haben Sie auch die Merkwürdigkeiten in Erfurt beachtet?“ fragte Goethe. – „Ich war im Dom, in welchem man mich auf das Gewölbe des Chors aufmerksam machte, das auf keinem Pfeiler ruht, und auf ein schlechtes Gemälde, den großen Christoph in kolossaler Größe vorstellend. Auf dem Glockenthurme nahm ich noch die große Glocke in Augenschein, die 275 Centner schwer seyn soll, und im Jahre 1497 von Gerhard de Campis gegossen ist.“ – „Sie brummt einen tiefen, ernsten Baß“; meinte G., „und läßt sich nur an hohen Festtagen hören. Die Kirche ist alt und zur Zeit des Bonifatius erbaut. Die kleinen Glocken sind, wie ich gehört habe, fast 200 Jahr älter. Nichts von Luther?“
„Ich habe den kleinen Hügel, Steiger, besucht, auf welchem Luthers Jugendfreund, Alexis, an seiner Seite vom Blitz getödtet ward.“
„Dieser Blitz hat in Deutschland ein großes Licht verbreitet; indem er den jungen Luther, der die Rechte studiren wollte, in’s Kloster trieb, und dann zur Erkenntniß eines Funkens der Wahrheit brachte. Sahen Sie seine Zelle, die er in Erfurt bewohnte?“
„Ich habe mich in dem beschränkten Raume umgesehen, und von der weißen Bretterwand mir dessen Lebensgeschichte, mit rothen Buchstaben geschrieben, copirt. Auf einer runden Tafel über der Thür stand die lateinische Inschrift:
„Ich kenne sie. Die Augustiner Kirche, in welcher der Mönch Luther gepredigt hat, ist seit Kurzem renovirt worden.“
„Haben Sie auch Lavater gesehn in Gotha?“ – „Ich habe ihn gesprochen.“ – „Er ist kein großer Freund von mir. Es ist lächerlich, wie er über mich denkt. Er hat dem Versucher Christi in der Wüste, wie man sagt, im Kupferstiche meine Physiognomie geben lassen. Das gehört zu seinen Phantasien, die ihn oft zu übertriebenen Vorstellungen verleiten. Unser Musäus hat ihn ziemlich gut beleuchtet. – Was haben Sie von meinen Schriften gelesen?“ – „Werther’s Leiden.“ – „Welchen Eindruck machte seine Leidenschaftsgeschichte auf Sie?“ – „Ich fand seine Empfindungen für Lotte so rein menschlich, daß ich ihm Alles verzeihen konnte was er fühlte, sprach und that.“ – „Haben Sie auch schon geliebt?“ – „Ich kann es nicht leugnen. In einem Alter von 21 Jahren kam ich in die Nähe einer schönen Wittwe, für die sich alle Gefühle in mir regten; – aber Verhältnisse hinderten mich, in jeder Rücksicht ihr meine Zuneigung zu gestehen. Ich verehrte sie, und nur in ihrer Gegenwart befand ich mich wohl; aber – ich sah die Unmöglichkeit ihr die Unruhe meines Herzens zu offenbaren.“ – „War sie schön?“ – „So fand ich sie, und man sagte mir, daß sie in ihrem unverheiratheten Stande das schönste Mädchen in der ganzen Umgegend gewesen wäre.“ – „Wissen Sie wohl, daß das Herz Geheimnisse hat, wovon der Verstand nichts weiß?“ – „Das habe ich schon öfters eingesehen, aber nicht mit Worten auszudrücken verstanden.“
„Wissen Sie: le paradis est pour les ames tendres, et condamné sont ceux qui n’aiment rien.“
„Davon bin ich überzeugt, aber so glücklich die Liebe macht, so viele Leiden und Schmerzen führt sie auch mit sich. Ich habe die schöne Stelle memorirt, welche mir in Ihrem „Werther“ gefiel.“
„Und welche war es?“
„Wer hebt den ersten Stein gegen das Mädchen, das in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblütigen Pedanten, lassen sich rühren, und halten ihre Strafe zurück.“
„Die ganze Theorie des Anstandes läßt sich auf den unsichern Grund des Vorurtheils zurückführen. Es giebt allerdings Situationen des Lebens, in welchen das Herz beredt und der Mund verschwiegen ist. Ja das erstere ist sogar in Furcht, seine kleinen aber heftigen Bewegungen zu verrathen, und, um nicht in diese Gefahr zu kommen, wählt das furchtsame Herz die Verschwiegenheit – oder sucht die Unterhaltung auf gleichgültige, fremde Dinge zu leiten.“
„Ich habe mich noch nie“, sagte Goethe, „mit einem jungen Manne, der eben die Universität verlassen, so ernsthaft unterhalten.“
„Verzeihen Sie, ich bin schon 27 Jahr alt, und spät auf Universitäten nach Halle gegangen.“
„Oft quälen mich Durchreisende mit langweiligen Besuchen, und da ich mich jetzt mit der Osteologie beschäftige“, fuhr G. fort, „so lege ich ihnen zuweilen meine vorhandenen Knochen vor, das erregt den Besuchenden Langeweile – und sie empfehlen sich. Ich habe diese Vorlage bei Ihnen vergessen.“
Als ich hierauf zu Musäus zurückkam, erzählte ich ihm, wie freundlich mich G. aufgenommen hätte, sagte ihm, daß ich Lavater gesprochen u.s.w., und was mir in Erfurt vor Augen gekommen wäre; endlich aber fiel die Unterhaltung auf „Werthers Leiden“, und die Passion der Liebe.
Musäus. „In diesem Punkte ist er unübertrefflich! So feine Kenner des menschlichen Herzens finden sich selten ...“
„Goethe ist ein kräftiger, robuster Mann, der uns Alle überleben wird. Was sagt er vom Tode und ewigen Leben?“
Musäus. „Davon hab’ ich ihn nie sprechen hören. Er hängt mit ganzer Seele am Leben, das er für eine schöne Gewohnheit hält.“
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