Normalzeugnis Zeugnis
Italienische Reise. 22. 5. 1787 (WA I 31, 241)
Eine Dame, die mich schon bei meinem ersten Aufenthalt vielfach begünstigt, ersuchte mich, Abends punct fünf Uhr bei ihr einzutreffen; es wolle mich ein Engländer sprechen, der mir über meinen Werther etwas zu sagen habe ... ich versprach zu kommen.
Leider aber ist die Stadt zu groß und der Gegenstände so viel, daß ich eine Viertelstunde zu spät die Treppe hinauf stieg und eben an der verschlossenen Thüre auf der Schilfmatte stand um zu klingeln, als die Thüre schon aufging und ein schöner Mann in mittlern Jahren heraus trat, den ich sogleich für den Engländer erkannte. Er hatte mich kaum angesehen, als er sagte: „Sie sind der Verfasser des Werther!“ Ich bekannte mich dazu und entschuldigte mich, nicht früher gekommen zu sein.
„Ich konnte nicht einen Augenblick länger warten,“ versetzte derselbe, „was ich Ihnen zu sagen habe ist ganz kurz und kann eben so gut hier auf der Schilfmatte geschehen. Ich will nicht wiederholen was Sie von Tausenden gehört, auch hat das Werk nicht so heftig auf mich gewirkt als auf andere; so oft ich aber daran denke, was dazu gehörte um es zu schreiben, so muß ich mich immer auf’s neue verwundern.“
Ich wollte irgend etwas dankbar dagegen erwidern, als er mir in’s Wort fiel und ausrief: „Ich darf keinen Augenblick länger säumen, mein Verlangen ist erfüllt, Ihnen dieß selbst gesagt zu haben, leben Sie recht wohl und glücklich!“ und so fuhr er die Treppe hinunter. Ich stand einige Zeit über diesen ehrenvollen Text nachdenkend und klingelte endlich. Die Dame vernahm mit Vergnügen unser Zusammentreffen, und erzählte manches Vortheilhafte von diesem seltenen und seltsamen Manne.
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