Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 26. September 1786
Padua d. 26 Abends.
Du kannst immer dencken daß ich dir bey einbrechender Nachtschreibe, denn da ist mein Tagewerck vollbracht.
In vier Stunden bin ich von Vicenz heute früh herübergefahren.Wie gewöhnlich auf ein einsitzig Chaischen |: Sediola :| mit meinerganzen Existenz gepackt. Man fährt sonst bequem in vierthalb Stunden, da ich aber den köstlichen Tag gern unter freyemHimmel genoß war es mir lieb daß der Vetturin seine Schuldigkeitnicht that. Es geht immer in der schönsten Plaine süd ostwarts,man hat wenig Aussicht weil man zwischen Hecken undBäumen hinfährt. Biß man endlich die schönen Gebirge von Este, eine vulkanische Reihe, die von Nord gegen Süden streichen,zur rechten Hand sieht.
Auf dem Wege wünscht ich dir nur die Fülle des Hängewercksder Pflanzen über Mauern, Hecken, an Bäumen herunter miteinen Blick zeigen zu können. Die Kürbiße auf den Dächern pp
Nun denn in Padua! und habe in fünf Stunden was Volckmannanzeigt meist gesehen; nichts was mich recht herzlich gefreuthätte aber manches das gesehen zu haben gut ist.
Diesmal will ich Volckmannen folgen den du im 3. Theil auf der638. Seite nachschlagen wirst. Ich nehme an daß du die Artickel liesest, und ich mache nur meine Anmerckungen.
p. 639. erschreckliche Erdbeben Die Nähe der Gebirgevon Este mag daran Schuld seyn, sie liegen nur 6 Ital. Meilen von hier ab, und sind noch warme Bäder hierherwärts. Da mögennoch so alte böse Reste in den Eingeweiden oder vielmehr unter der Haut der alten Mutter gesteckt haben, ob ich gleichnoch keine rechte Idee davon habe.
Benachbarten Hügel keine nähern als die Berge von Este.Die Stadt liegt herrlich, ich sah sie vom Observatorio. Gegen Norden die beschneiten und in Wolcken halb versteckten TyrolerGebirge, an die sich gegen Nord west die VicentinischenVulkanischen Berge anschließen und endlich gegen Westen dienähern Gebirge von Este, deren Gestalt und Vertiefung man deutlich erkennen kann. Gegen Süd und Ost eine grüne Seeohne eine Spur von Erhöhung Baum an Baum Busch an Busch,Pflanzung an Pflanzung bis an den fernsten Horizont, und ausder Grüne sehen unzähliche weiße Häuser, Villen, Kirchen ppheraus.
Vom Observatorio konnt ich durch den Tubus ganz deutlich denMarkus thurm von Venedig und die andern geringern Thürmesehn.
p 641. Das Pflaster der Stadt pp es ist Lava von denEstischen Bergen ich habe welche mitgenommen.
rother Marmor ein rother ziemlich fester Kalckstein wie derVeroneser.
p 642 Marie von Giotto hab ich nicht finden können.
Sakristey war zu.
p. 642. St. Antonio Von diesem barbarischen Gebäude mündlich.
p. 646. Kardinal Bembo Es ist nur gut daß man den HeiligenKirchen gebaut hat; so hat man doch auch einen guten Ortwo man vernünftige und edle Menschen aufstellen kann. Es istein schönes, wenn ich so sagen soll mit Gewalt in sich gezognes Gesicht und ein mächtiger Bart. Die Büste steht zwischen JonischenSäulen die mir von dem Grabmal des Porto in Vicenz |: s. p. 677 :| nachgeahmt scheinen. Die Inschrifft ist schön:
Petri Bembi Card. imaginem
Hier. Guirinus Ismeni F.
in publico ponendam curavit
ut cujus Ingenii
monumenta aeterna sint
ejus corporis quoque memoria
ne a posteritate desideretur.
Eine würdige Inschrifft dem Manne der nicht gern in der Bibellas um seinen lateinischen Styl, wahrscheinlich auch um seineImagination nicht zu verderben.
p. 647. Helena Cornara Wohlgebildet nicht liebenswürdig,wie sich’s einer Minerva-Geweihten geziemen will.
p. 644 Hl. Agathe von Tiepolo Das Gesicht nicht erhabenaber erstaunend wahr, physischer Schmerz und getroste Duldung schön ausgedrückt. Wenn die Martyrthümer nur nichtimmer die fatalen armen Sünderschafften mit sich schlepptn.
p 647. Enthauptung Joh. von Piazetta. Ein recht bravBild. Immer des Meisters Manier vorausgesetzt. Joh kniet dieHande vor sich hinfaltend mit dem rechten Knie an einem Stein, er sieht gen Himmel ein Kriegsknecht der ihn gebundenhat fährt an der rechten Seite herum und sieht ihn in’s Gesichtals wenn er über die Resignation erstaunte womit der Mann sichhingiebt in der höhe steht ein andrer der den Streich vollführensoll, hat aber das Schwerdt nicht sondern nur die Hände aufgehoben wie einer der sich zu dem Streiche vorbereitet, dasSchwerdt zieht einer tiefer unten aus der Scheide. Der Gedanckeist neu und die Composition frappant übrigens auch wieder eineArme sünderschafft.
p. 648. Scuola del Santo Die Bilder von Titian wundernswürdig wie sie der alten Deutschen holbeinischen Manier nahkommen. Von der sich ienseits der Alpen keiner erhohlt hat. Eine erstaunende alles versprechende Wahrheit ist drin.
Sie haben mich, wie überhaupt mehr alte Gemälde viel zu denkengemacht.
p. 649. Marter d. Heil Justina von Paul Ver. Er hat denFehler den ich schon in Vicenz bemerkte zu viel Figuren auf soein Bild zu bringen und sie zu klein zu machen, die haben nunvon so einem Hoch Altar herunter keine Gegenwart das übrigesagt Volckmann.
650. Zimmer des Abts Ein schön Bild von Quercin da CentoGerechtigkeit und Friede.
ibid. Auserlesne Bücher. ist nicht zu laugnen. Alte Schrifftsteller,die Italiänischen Dichter. Kirchenväter verstehn sich vonselbst. pp Was ich so flüchtig übersah war alles gut und brauchbar.
ibid. Prato della valle Sie haben rings um den Platz ihren berühmten Männern Bildsäulen gesezt und auch Privatleutenerlaubt einem verdienten Mann aus seiner Familie eine Statue zu sezen wie die Inschrifften zeigen. Die Messe die hier gehaltenwird ist berühmt.
p. 655 Abnehmung vom Kreuz von Bassan recht brav,und so edel als er etwas machen konnte.
ibid. Salone . Wenn man so etwas nicht gesehn hat glaubt mans nicht oder kann sichs nicht dencken.
p. 658 il Bo ist mir lieb daß ich darin nichts zu lernen hatte.Man denckt sich auch diese Schul-Enge nicht wenn mansnicht gesehn hat besonders ist das Anatomische Theater würklichals ein Wunder werck anzusehen. Es ist über alle Beschreibung.
Der Botanische Garten ist desto artiger und muntrer, obgleichietzt nicht in seiner besten Zeit. Morgen soll ihm der größtetheil des Tags gewidmet werden. Ich habe heut im durchgehnschon brav gelernt.
Gute Nacht für heute! Ich habe gesudelt was ich konnte um nuretwas aufs Papier zu bringen.
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