Normalzeugnis Zeugnis

J. L. Ewald, Fantasieen S. 164

Ich hatte sie Christine Reinhard geb. Reimarus schon vorher gebeten, mir jenes kleine Lied von Göthe Künstlers Fug und Recht zu geben, und mir ihre Deklamazion dazu in Noten zu setzen. Ich hätte sie jetzt noch einmal, und recht herzlich darum bitten mögen, wenn sich der Ton der Innigkeit und Wahrheit durch Linien und geschwänzte Punkte bezeichnen ließe. Es war fast Göthe’s Deklamazion, der mit wenigen (in der Musik sogenannten) ganzen Tönen ehemals alles ausdrückte, was er wollte. Diese Art von Deklamazion hat äußerst kleine Tonintervalle. Zwischen E und D zum Beispiel liegen vielleicht 16 Töne, die man mit Musiknoten nicht bezeichnen kann. Der Gang, die Melodie, der Übergang in eine andre und der Rückgang in die vorige Tonart: – alles ist dieser Deklamazion eigen; und nur dadurch wird jener einzige Ausdruck möglich, der bloß Ton der Wahrheit zu seyn scheint, und so wenig Aufwand von Stimme und Tönen erfordert.

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