Brief

Von Friedrich Schiller (23. August 1794)

Durch die neulichen Unterhaltungen mit G. (nach der Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft) sei S.s ganze Ideen-Maße in Bewegung gebracht worden. Ueber so manches, worüber ich mit mir selbst nicht recht einig werden konnte, hat die Anschauung Ihres Geistes [...] ein unerwartetes Licht in mir angesteckt. G.s beobachtender Blick setze ihn nie in Gefahr, auf den Abweg zu gerathen, in den sowohl die Speculation als die willkührliche und bloß sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt. - Lange schon habe ich [...] dem Gang Ihres Geistes zugesehen [...]. Ausführliche Analyse der geistigen Entwicklung und Existenz G.s: Er suche das Nothwendige der Natur und in der Allheit ihrer Erscheinungsarten [...] den Erklärungsgrund für das Individuum. Von der einfachen Organisation steige G. empor: um die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Wäre G. als ein Grieche, ja nur als ein Italiener gebohren worden, dann wäre sein Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden. Schon in die erste Anschauung der Dinge hätten Sie dann die Form des Nothwendigen aufgenommen, und mit Ihren ersten Erfahrungen hätte sich der große Styl in Ihnen entwickelt. So aber habe er als ein Deutscher erst gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland [...] gebähren müssen. Die von G. bereits aufgenommene nordische Natur habe er in sich nach dem beßeren Muster und nach leitenden Begriffen korrigieren müssen. Aber diese logische Richtung, welche der Geist bey der Reflektion zu nehmen genöthiget ist: verträgt sich nicht wohl mit der aesthetischen, durch welche allein er bildet. - S. hebt die schöne Übereinstimmung des Goetheschen philosophischen Instinktes mit den reinsten Resultaten der speculirenden Vernunft hervor. Reflexionen über den Speculativen Geist: der von der Einheit, und den intuitiven, der von der Mannichfaltigkeit ausgeht. - Für den "Versuch einer deutschen Prosodie" (Ruppert 707) von K. P. Moritz, den S. mit großem Interesse gelesen habe, zeige auch W. von Humboldt Interesse. Diderots "Les bijoux indiscrets" (Paris 1748) seien ebenfalls sehr unterhaltend. - Bitte, "Wilhelm Meisters Lehrjahre" zuerst in den "Horen" erscheinen zulassen.

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