Normalzeugnis Zeugnis
Friederike Brun, Tagebuch 7. 7. 1795 (Dt. Rundschau 123, 236)
Abends brachte mir die brave Goechhausen den Goethe. Anspruchloser wie er es ist in seinem Reden und Schweigen, in seinem Gehen und Stehen, ist es unmöglich zu sein. Sein Gesicht ist edel gebildet, ohne gleich einen innern Adel entgegen zu strahlen, eine bittere Apathie ruht wie eine Wolke auf seiner Stirn. Bei einem schönen, männlichen Wuchs fehlt es ihm an Eleganz, und seinem ganzen Wesen an Gewandheit; ist das der Günstling der Musen und Grazien? Dies der Schöpfer des Tasso, des Egmonts, und der Iphigenia, des Werthers und Götz, des Faust, und ach der Sänger jener herzempörenden und herzstillenden, jener sanft einlullenden und aufschreckenden Lieder? Ich sah nur den Verfasser des Wilhelm Meister diesen Abend, und auch der ist aller Ehren wert. – Da faßte mich bei einem Gedanken, aus dem der seinige zurück strahlte, plötzlich sein Flammenauge, und ich sahe Faust’s Schöpfer.
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