Normalzeugnis Zeugnis
Caroline Herder an Herder 24. 4. 1789 (Düntzer6 S. 336)
Wie ich nach Hause kam, fand ich Goethe bei dem Kinderfest Luise Herders Geburtstag. Wir sprachen bald von Göttingen, wie wir denn schon einigemal davon gesprochen haben. Daß Du den vortheilhaften Antrag beherzigtest und beherzigen müßtest, sagte ich ihm; er fand es ganz recht, so wie er gleich von Anfang den Antrag als ein gutes Evenement, wir möchten nun bleiben oder gehn, ansah. Er will Dir selbst schreiben den nächsten Posttag, heute kann er nicht. Er dringt aber darauf, daß wir ihn allein von der ökonomischen Seite betrachten und gebrauchen müssen. In der Verhandlung mit den Hannoveranern müssen wir mit Recht das hoch anschlagen, was wir Gutes hier haben – kurz, in eine Wagschale das Vortheilhafte von Göttingen und in die andre das Gute von hier legen. Dieses war, nachdem ich mich von der ersten Gemüthsbewegung des Antrags erholt hatte, mein eigner erster Gedanke gewesen, der mir nicht von ihm eingehaucht worden ist; ich schwieg Dir aber davon, weil ich Dein Gefühl rein darüber erst hören wollte. „Glaubt nicht“, sagte er gestern, „daß er dort frei von Verdruß und Aerger sein wird; er wird überall die Neider und Heuchler, und wie sie heißen, finden; sein Gemüth bringt er ja überall mit. Also von dieser Seite ists dort nicht um ein Haar besser als überall. Kurz, laßt nur das Gemüth aus dem Spiel, und bleibt bei dem äußerlichen Vortheil stehn. Der Herzog kann und darf ihn nicht gehn lassen, er ruinirt sich Jena und Weimar zugleich. Auch nicht einmal nach Jena wünsch’ ich Herdern; ich hab’ ihn viel zu lieb, er ist zu gut zum Professor; er kennt ihre kleinlichen Leidenschaften noch nicht. Es ist gut, daß der Antrag gekommen ist; jetzt kann ihm durch das Muß, und mit Ehren, ein gutes und sichres Etablissement für ihn und die Seinigen gemacht werden, und die ganze Stadt wird damit zufrieden sein, und es wünschen.“ ...
Reichardt aus Berlin trat nach dem Bescheren herein, blieb den Mittag bei mir; den Nachmittag ging er zu Goethe, der ihn um diese Zeit bestellt hatte, und um dessentwillen er eigentlich gekommen war; er componirt die Claudine, wird aber bald wieder abreisen.
Liebes Herz, über Goethe und Knebel habe ich sehr klare und reine Begriffe bekommen. Der erste ist bei Dir jetzt im Schatten, aber ich weiß, Du erkennst ihn wieder. Knebel bleibt ein unstetes, unsichres Rohr. Er ist im Grund gut, aber ein jedes Lüftchen beugt und wendet ihn anders. Das habe ich in den letzten vier Wochen zum Erstaunen bemerkt ... Er hat ein so großes Maul gegen Moritzens Abhandlung gehabt, und da Goethe einen nur wörtlichen Auszug gemacht und ihm gegeben hat, da fand er es ganz vortrefflich, golden und verständlich – und es waren Moritzens eigne Worte und Zeilen. So liest er immer mit einem heißen Kopf, und so ist er einige Zeit grob und fremd gegen mich ohne Ursache. Goethe bleibt sich gleich; er steht auf festem Boden. Mündlich mehr im Detail von; es schmerzt mich, daß Du Dein Gemüth von ihm abwendest, und er ist doch der einzige rein gute Mensch hier.
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