Normalzeugnis Zeugnis
Friederike Brun, Tagebuch 8./9. 7. 1795 (Dt. Rundschau 123, 236)
Ich sehe ihn seitdem täglich und versäume keine Gelegenheit ihn zu sehen. Anfangs quälten mich seine Blicke, die ich immer auf mir und an mir empfand, wenn ich ihn nicht ansah, und die dann die des forschenden Beobachters waren; und des Beobachters ohne Hoffnung und Glauben an reinen Menschenwerth, der nur neue Gestalten zu seinen lebenvollen Gemählden sucht und in die Welt sieht wie in einen Guckkasten. Gestern und heute ist er sehr liebenswürdig und traulich gewesen und ich habe zuweilen den Werther und Egmont hervorleuchten sehen, ob ich den Tasso und die Iphigenia erblicken werde? Das Glück hat ihn verzogen und die Weiber. Er hat geschwelgt ohne zu genießen, genommen ohne zu geben, ob je in seinem Herzen der reine Ton der Liebe wieder erklingen wird? Er hat viel geredet und immer als ob’s halb im Scherz wäre, aber im bittern Scherz herrliche Sachen gesagt über Kunst, Epigramme, Elegisches, Improvisiren, Liebe als Mittel zum Zweck, über Hoffnung, die in ihm erstorben ist, von seiner äußersten Empfänglichkeit durch Phantasie bei Gelegenheit der Kupfer zu Wielands Werken. Ärgerlich ist’s, daß er seine Paradoxe, wenn man ihm drüber zu Leibe geht, oft mehr wie halb zurück nimmt, so daß sie darüber nicht selten zu Gemeinplätzen werden. Nun hab ich doch ein Interesse hier und nun fängt die Kur auch an, mir zu bekommen; ach, bei aller Erinnerung ist’s doch etwas elendes um eine öde Gegenwart! Ich gerathe immer mit dem Goethe in sehr lebendige Unterhaltung. Er redete über die stille Hoffahrt und den Übermuth der Dänen, der sich, wie er neckend versicherte, in mir besonders offenbahre. Er oeffnet mit viel Bonhomie sein Inneres, in dem sich mir ein reicher Fond von Wahrhaftigkeit und Billigkeit offenbart. Übrigens war er heut (dies ist alles beim Sprudeltrinken auf und ab geredet) schrecklich paradox, und ich ergrimmte über sein Wegwerfen der Erinnerung, „die Gegenwart ist die einzige Göttin, die ich anbete,“ sagte er – über seinen Unglauben an intellektuelle Freundschaft. „Freundschaft werde durch Verhältnisse genährt“ (daß sie aus Simpathie entstünde, gab der Sünder doch zu) und wenn diese sich änderten oder aufhörten, stürbe sie Hungers. Ich ward zur Salzsäule! Da kam die Rede vom seligen Moritz, mit dem er viel in Italien gelebt, und da war er so weich und gut und lobte und bedauerte den Moritz so aus meinem Herzen heraus, daß ich ihm hier alles verzieh. Einmal sagte er: „Niemand hat Mitleiden mit mir, wenn ich klage“ (es war Scherz) ich sagte ihm ernst „ich habe bei manchem Ihrer Lieder inniges Mitleiden empfunden“. – „O ja, ich war wohl unglücklich in diesen Augenblicken, aber dergleichen muß man abschütteln,“ – „Nein nicht abschütteln! durch Arbeiten und in sich zur Heiterkeit verwandeln,“ – sagte ich; denn seine Gleichgültigkeit ohne Heiterkeit und daß er schon so ganz mit den Menschen abgerechnet hat, ist mir schrecklich.
Bezüge im Wissensnetz
Teil von (2)
GZP-Knowledge-GraphHat Sprache (1)
GZP-Knowledge-Graph- Deutsch