Normalzeugnis Zeugnis

Böttiger (Hist. Taschenbuch 10, 392)

Beim Abendessen (8. Oct. 1791), das nicht durch die Menge, aber durch die köstliche Zubereitung der Schüsseln auch dem physischen Geschmacke unsers Wirths Wieland Ehre machte, erzählte Wieland seine erste Liebe im Hause seiner Aeltern zu Biberach in Schwaben. Dort habe ein niedliches funfzehnjähriges Mädchen von der Post die Briefe in die Stadt ausgetragen. Er habe gefunden, daß sie einige Volkslieder recht hübsch singen könne, und seine Aeltern beredet, daß sie sie mehrmals beim Abendessen hätten vor sich singen lassen. Er sei wirklich in sie verliebt gewesen. Aber zum Unglück habe das Mädchen in der ganzen Stadt der Postklepper geheißen. Dieser Zuname habe seine Delicatesse zu sehr chokirt und so sei es bei platonischen Ideen geblieben. – Der geheime Rath Göthe, der mit bei Tische saß und diesmal sehr aufgeräumt war, erinnert seinen Herrn Bruder (Wieland, Göthe und Herder nennen sich Du und Herr Bruder) an das Lied des Königs Wenzel von Böhmen. Dies ist ein sehr zärtliches Product aus den Zeiten der Minnesänger, das Bodmer in seine Sammlung aufgenommen hat. Hier erzählt König Wenzel, wie er eine ganze Nacht in der Kammer seiner geliebten Magd, die er minnte, zugebracht und sie aus Ehrfurcht doch nicht angerührt habe.

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