Normalzeugnis Zeugnis

K. Ph. Moritz, Reisen eines Deutschen in Italien (Moritz 1, 148)

Rom, den 20. November. Der Hr. v. G. ist hier angekommen, und mein hiesiger Aufenthalt hat dadurch ein neues und doppeltes Interesse für mich gewonnen. Dieser Geist ist ein Spiegel, in welchem sich mir alle Gegenstände in ihrem lebhaftesten Glanze und in ihren frischesten Farben darstellen. Der Umgang mit ihm bringt die schönsten Träume meiner Jugend in Erfüllung, und seine Erscheinung, gleich einem wohlthätigen Genius, in dieser Sphäre der Kunst, ist mir, so wie mehreren, ein unverhofftes Glück. Denn bei allen Schönheiten der Natur und Kunst giebt es doch nichts Höheres, als den harmonischen Gedankenwechsel, wodurch die dunklen Empfindungen erst zur Sprache und zum Bewußtseyn kommen. Es ist hier jetzt mitten im November noch das angenehmste Frühlingswetter, und ich machte vor ein paar Tagen in der Gesellschaft des Hrn. v. G. und einiger Künstler, die mit ihm wohnen, einen Spaziergang nach der Villa Pamphili, der mich in eine neue Welt von Ideen und herrlichen Eindrücken geführt hat ... Ueberhaupt herrscht hier eine große Geselligkeit unter den Fremden; denn alle werden gewissermaßen durch einen gemeinschaftlichen Zweck verbunden, jeden Moment ihres hiesigen Aufenthalts zu ihrer Vervollkommnung zu nutzen, und ihren Sinn für das Große und Schöne in der Kunst zu erhöhen und zu verfeinern. Hierauf beziehen sich meistentheils die gesellschaftlichen Unterhaltungen und Gespräche. Man spricht mit Bewunderung und Enthusiasmus, über das was man gesehen, und jeder sucht dem andern seine Empfindungen mitzutheilen, weil es selbst der Eigenliebe schmeichelt, für den Genuß des Schönen hinlängliche Empfänglichkeit zu haben ... Das griechische Kaffehaus in der Strada Kondotti, nahe bei dem spanischen Platze, ist für die jungen Künstler gemeiniglich der Sammelplatz, wo sie sich einfinden, und manchmal sich auch erst bereden, welche Villa oder welche Gallerie sie an dem Tage besuchen wollen. Des Sonntags werden vorzüglich solche lehrreiche Wanderungen angestellt; woran denn auch Künstler Theil nehmen, welche sonst die ganze Woche über mit Arbeit beschäftigt sind, und denen dieß nun eine eben so angenehme als nützliche Erhohlung ist.

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