Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 10. Oktober 1786
d. 10 Oktbr.
Heut hab ich angefangen mein Tagebuch durchzugehn und eszur Abreise zuzurichten. Die Ackten sollen nun inrotulirt und dirzum Urtheilsspruche zugeschickt werden. Schon jetzt find ichmanches in den geschriebnen Blättern das ich näher bestimmen, das ich erweitern und verbeßern könnte. Es mag stehen alsDenkmal des ersten Eindrucks, der, wenn auch nicht immerwahr, uns doch köstlich und werth ist.
Ich fange auch an mich zum Schluße zu bereiten. Iphigenie wirdnicht fertig; aber sie soll in meiner Gesellschafft unter diesem Himmel nichts verlieren. O könnt ich dir nur einen Hauch dieserleichten Existenz hinüber senden.
Ach wohl, ist den Itälianern das Vltramontano ein dunckler Begriff!mir ist er’s auch. Nur du und wenige Freunde winckt miraus dem Nebel zu. Doch sag ich aufrichtig das Clima ganz allein ists, sonst ists nichts was mich diese Gegenden jenen vorziehenmachte.
Denn sonst ist doch die Geburt und Gewohnheit ein mächtigesDing, ich möchte hier nicht leben, wie überhaupt an keinemOrte, wo ich nicht beschäfftigt wäre.
Die Baukunst steigt vor mir wie ein alter Geist aus dem Grabe,sie heist mich ihre Lehren wie die Regeln einer ausgestorbnen Sprache studiren, nicht um sie zu üben oder mich in ihrlebendig zu freuen, sondern nur um die ehrwürdige und ewig abgeschiedne Existenz der vergangnen Zeitalter in einem stillenGemüth zu verehren.
Gott sey Dank wie mir alles wieder lieb wird was mir vonJugendauf werth war. Wie glücklich bin ich daß ich mich derrömischen Geschichte, den alten Schrifftstellern wieder nahen darf! und mit welcher Andacht les ich den Vitruv!
Jetzt darf ich’s sagen, darf meine Kranckheit und thorheit gestehen.Schon einige Jahre hab ich keinen lateinischen Schrifftstelleransehen, nichts was nur ein Bild von Italien erneuerteberühren dürfen ohne die entsetzlichsten Schmerzen zu leiden.
Herder scherzte immer mit mir, daß ich alle mein Latein ausdem Spinoza lernte, denn er bemerckte daß es das einzige lateinischeBuch war das ich las. Er wußte aber nicht daß ich michfür jedem Alten hüten mußte. Noch zuletzt hat mich die WielandischeUbersetzung der Satyren höchst unglücklich gemacht ich habe nur zweye leßen dürfen und war schon wie toll.
Hatt ich nicht den Entschluß gefaßt den ich jetzt ausführe; sowär ich rein zu Grunde gegangen und zu allem unfähig geworden,solch einen Grad von Reife hatte die Begierde diese Gegenständemit Augen zu sehen in meinem Gemüth erlangt. Denn ich konnte mit der historischen Erkänntniß nicht näher,die Gegenstände standen gleichsam nur eine Handbreit von mirab waren aber durch eine undrurchdringliche Mauer von mirabgesondert.
Denn es ist mir wircklich auch jetzt so, nicht als ob ich die Sachen sähe, sondern als ob ich sie wieder sähe. Ich bin diekurze Zeit in Venedig und die Venetianische Existenz ist mir soeigen als wenn ich zwanzig Jahre hier wäre. Auch weis ich daßich, wenn auch einen unvollständigen, doch gewiß einen ganzklaren und wahren Begriff mit fort nehme.
Mitternacht.
Nun kann ich denn endlich auch einmal sagen daß ich eineCommödie gesehn habe. Sie spielten heut auf dem Theater St.Luca
Le baruffe chiozzotte
welches sich allenfalls übersetzen ließe, les crialleries de Chiozzaoder die Händel in Chiozza.
Die Handelnde sind lauter Seeleute, Einwohner von Chiozzaund ihre Weiber und Schwestern und Töchter. Das gewöhnliche Geschrey, im Guten und Bösen dieser Leute, ihre Händel, heftigkeit,Manieren, Gutmütigkeit, Plattheit, Witz, Humor pp sindgar brav nachgeahmt. Das Stück ist noch von Goldoni. Da icherst gestern in der Gegend war, und mir der Eindruck der Stimmenund Manieren der Leute noch in Aug und Ohr wieder schien und wieder klang, so machte mirs große Freude und obich gleich manches bon mot nicht verstand; so konnt ich doch dem Ganzen recht gut folgen und mußte herzlich mitlachen.Aber auch so eine Lust hab ich nicht gesehn als das Volck hatte,sich und die seinigen so spielen zu sehn. Ein Gelächter und Gejauchze von Anfang biß zum Ende. Ich muß aber auch sagendaß die Ackteur es exzellent machten. Sie hatten sich gleichsamnach der Anlage der Caracktere in die verschiednen Stimmengetheilt die dem Volck gewöhnlich sind. Es betrog einen vonAnfang biß zu Ende.
Die erste Acktrice war allerliebst, viel besser als neulich in derHelden Tracht und Passion. Die Frauen überhaupt, besondersaber sie, machten Stimme Gebärden und Wesen des Volcks aufsanmutigste nach.
Vorzüglich ist aber der Verfasser zu loben, der aus nichts den angenehmsten Zeitvertreib seinem Volck verschafft hat, mansieht die unendlich geübte Hand durchaus.
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