Normalzeugnis Zeugnis

Reichsgraf E. A. H. Lehndorff, Tagebuch Mai 1778 (Schmidt-Lötzen S. 107)

Im Verlauf des Monats Mai trifft der Herzog von Weimar inkognito unter dem Namen eines Barons v. Altenstein hier ein, aber die Königin läßt ihm keine Ruhe, bis er in der Gesellschaft erscheint. Ich diniere mit ihm zusammen bei dem Prinzen Heinrich und dem Prinzen Ferdinand. Er macht den Eindruck eines hübschen jungen Mannes, indes hat sein Gesicht einen unfreundlichen Zug. Mit ihm ist der berühmte Verfasser des „Werther“ und des „Götz von Berlichingen“, Herr Göthe, den der Herzog zum Geheimen Rat gemacht hat. Dieser beherrscht ihn jetzt, nachdem er den frühern Hofmeister, den Grafen Görtz, der eben jetzt in unsere Dienste getreten ist, verdrängt hat. Dieser Herr Göthe ist bei der Tafel mein Nachbar. Ich tue mein Möglichstes, um ihn zum Sprechen zu bringen, aber er ist sehr lakonisch. Er dünkt sich augenscheinlich zu sehr Grandseigneur, um noch als Dichter zu gelten. Das ist im allgemeinen der Fehler der Deutschen von Bildung, daß sie, sobald sie die Stellung eines Vertrauten erlangen, unerträglich hochmütig werden. Prinz Heinrich fragt Herrn Göthe, ob sich in den Archiven von Weimar nicht Briefe von dem berühmten Bernhard von Weimar fänden. Der junge Herzog behauptet, daß es solche gebe, dieser große Gelehrte weiß davon aber nichts. Das macht auf mich einen recht schlechten Eindruck. Da das eine der ruhmreichsten Epochen für das herzogliche Haus ist, so müßte er wohl damit vertraut sein. Auch der treffliche Fürst von Dessau ist da. Das ist eine Familie, die ich außerordentlich schätze und verehre.

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