Normalzeugnis Zeugnis
G. Chr. Tobler an Lavater Mai 1781 (SchrGG 16, 356)
Die angenehmste, umgänglichste in Weimar ist die Fr. v. Stein. – Aber ich kann so wenig zu einem hohen reinen Grade von Achtung für sie kommen, als zu einem hohen Grade von Zärtlichkeit gegen Goethe: Der mir sonst weit, unverdient weit artiger freündlicher, undrükender begegnet, als ich vermuthet hätte. Ich habe ein paarmahl allein mit ihm zu Mittag gegeßen und von seinen Sachen giebt er mir viel zu lesen und will auch mein Übersezungswesen sehen. Seine Vögel sind unnachahmliches aristophanisch süblimes Persiflage. Seine Befreyung von Holland Egmont bis an den lezten Act fertig – politisch voll herrlicher Gedanken. Auch hat er was geschrieben über des Königs von Preüßen Schrift, das mir aber am wenigsten Goethisch ist, in Form eines Gesprächs ... Goethe hat mich gestern Abends noch in die Schule genommen, daß ich nicht zuviel aus ihrem Weimarwesen etc. plaudern soll.
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