Normalzeugnis Zeugnis

Italienische Reise. 13. u. 14. 4. 1787 (WA I 31, 126)

Schon die ganze Zeit meines Aufenthalts hörte ich an unserm öffentlichen Tische manches über Cagliostro, dessen Herkunft und Schicksale reden. Die Palermitaner waren darin einig: daß ein gewisser Joseph Balsamo, in ihrer Stadt geboren, wegen mancherlei schlechter Streiche berüchtigt und verbannt sei. Ob aber dieser mit dem Grafen Cagliostro nur Eine Person sei, darüber waren die Meinungen getheilt. Einige, die ihn ehemals gesehen hatten, wollten seine Gestalt in jenem Kupferstiche wieder finden, der bei uns bekannt genug ist und auch nach Palermo gekommen war. Unter solchen Gesprächen berief sich einer der Gäste auf die Bemühungen, welche ein Palermitanischer Rechtsgelehrter A. Vivona übernommen, diese Sache in’s Klare zu bringen. Er war durch das französische Ministerium veranlaßt worden, dem Herkommen eines Mannes nachzuspüren, welcher die Frechheit gehabt hatte, vor dem Angesichte Frankreichs, ja man darf wohl sagen der Welt, bei einem wichtigen und gefährlichen Processe die albernsten Mährchen vorzubringen. Es habe dieser Rechtsgelehrte, erzählte man, den Stammbaum des Joseph Balsamo aufgestellt und ein erläuterndes Memoire mit beglaubigten Beilagen nach Frankreich abgeschickt, wo man wahrscheinlich davon öffentlichen Gebrauch machen werde. Ich äußerte den Wunsch, diesen Rechtsgelehrten, von welchem außerdem viel Gutes gesprochen wurde, kennen zu lernen, und der Erzähler erbot sich, mich bei ihm anzumelden und zu ihm zu führen. Nach einigen Tagen gingen wir hin und fanden ihn mit seinen Clienten beschäftigt. Als er diese abgefertigt und wir das Frühstück genommen hatten, brachte er ein Manuscript hervor, welches den Stammbaum Cagliostro’s, die zu dessen Begründung nöthigen Documente in Abschrift und das Concept eines Memoire enthielt, das nach Frankreich abgegangen war. Er legte mir den Stammbaum vor und gab mir die nöthigen Erklärungen darüber ... Das Memoire, welches uns der gefällige Verfasser vorlas und mir, auf mein Ersuchen, einige Tage anvertraute, war auf Taufscheine, Ehecontracte und andere Instrumente gegründet, die mit Sorgfalt gesammelt waren ... Als ich in dem Stammbaume so manche Personen, besonders Mutter und Schwester, noch als lebend angegeben fand, bezeigte ich dem Verfasser des Memoire meinen Wunsch, sie zu sehen und die Verwandten eines so sonderbaren Menschen kennen zu lernen. Er versetzte, daß es schwer sein werde dazu zu gelangen, indem diese Menschen, arm aber ehrbar, sehr eingezogen lebten, keine Fremden zu sehen gewohnt seien, und der argwöhnische Charakter der Nation sich aus einer solchen Erscheinung allerlei deuten werde; doch er wolle mir seinen Schreiber schicken, der bei der Familie Zutritt habe und durch den er die Nachrichten und Documente, woraus der Stammbaum zusammengesetzt worden, erhalten. Den folgenden Tag erschien der Schreiber und äußerte wegen des Unternehmens einige Bedenklichkeiten. „Ich habe“, sagte er, „bisher immer vermieden, diesen Leuten wieder unter die Augen zu treten: denn um ihre Ehecontracte, Taufscheine und andere Papiere in die Hände zu bekommen und von selbigen legale Copien machen zu können, mußte ich mich einer eigenen List bedienen. Ich nahm Gelegenheit, von einem Familienstipendio zu reden, das irgendwo vacant war, machte ihnen wahrscheinlich, daß der junge Capitummino sich dazu qualificire, daß man vor allen Dingen einen Stammbaum aufsetzen müsse, um zu sehen, in wiefern der Knabe Ansprüche darauf machen könne; es werde freilich nachher alles auf Negociation ankommen, die ich übernehmen wolle, wenn man mir einen billigen Theil der zu erhaltenden Summe für meine Bemühungen verspräche. Mit Freuden willigten die guten Leute in alles; ich erhielt die nöthigen Papiere, die Copien wurden genommen, der Stammbaum ausgearbeitet, und seit der Zeit hüte ich mich vor ihnen zu erscheinen. Noch vor einigen Wochen wurde mich die alte Capitummino gewahr, und ich wußte mich nur mit der Langsamkeit, womit hier dergleichen Sachen vorwärts gehen, zu entschuldigen.“ So sagte der Schreiber. Da ich aber von meinem Vorsatz nicht abging, wurden wir nach einiger Überlegung dahin einig, daß ich mich für einen Engländer ausgeben und der Familie Nachrichten von Cagliostro bringen sollte, der eben aus der Gefangenschaft der Bastille nach London gegangen war.

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