Normalzeugnis Zeugnis

Caroline Wilken, Erinnerungen (Stoll3 S. 89)

Einst nahmen die Eltern mich mit ins Theater, und ich erhielt einen Platz neben einem schönen, stattlichen Mann. Was gegeben wurde, weiß ich nicht mehr, wohl aber, daß ich sehr entzückt war und dadurch meinem Nachbar auffiel, der anfing, sich mit mir zu unterhalten, mir Bonbons anbot und immer freundlicher wurde, je offener ich mich aussprach. Nachher erfuhr ich, daß ich neben Goethe gesessen hatte. Dieser berühmte Mann gefiel mir schon besser als Herder. Seltsam war es, daß Goethe gegen den Vater J. F. A. Tischbein eine Animosität zeigte, die sich auch später gleichblieb und darauf beruhte, daß Goethe einen jungen Künstler, Meyer, protegierte, der nach seiner Meinung die hohen Herrschaften malen sollte, wogegen der Herzog sich auflehnte und aus eigener Machtvollkommenheit sich den Vater nach Weimar berief. Nie hatte Goethe dies vergessen; er ging in dieser Kleinlichkeit so weit, daß er sich entschieden weigerte des Vaters Arbeiten zu sehen. Mein Vater war zu stolz, des berühmten Mannes Gunst durch niedrige Kriecherei zu suchen, ließ die Sache auf sich beruhen und hielt sich ebenso fern.

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