Normalzeugnis Zeugnis
Italienische Reise. Moritz als Etymolog (WA I 32, 184)
Mir ist es angenehm, daß sich Moritz aus seiner brütenden Trägheit, aus dem Unmuth und Zweifel an sich selbst zu einer Art von Thätigkeit wendet, denn da wird er allerliebst. Seine Grillenfängereien haben alsdann eine wahre Unterlage und seine Träumereien Zweck und Sinn. Jetzt beschäftigt ihn eine Idee, in welche ich auch eingegangen bin, und die uns sehr unterhält. Es ist schwer sie mitzutheilen, weil es gleich toll klingt. Doch will ich’s versuchen:
Er hat ein Verstands- und Empfindungsalphabet erfunden, wodurch er zeigt, daß die Buchstaben nicht willkürlich, sondern in der menschlichen Natur gegründet sind und alle gewissen Regionen des innern Sinnes angehören, welchen sie denn auch, ausgesprochen, ausdrücken. Nun lassen sich nach diesem Alphabete die Sprachen beurtheilen, und da findet sich, daß alle Völker versucht haben sich dem innern Sinn gemäß auszudrücken, alle sind aber durch Willkür und Zufall vom rechten Wege abgeleitet worden. Dem zufolge suchen wir in den Sprachen die Worte auf, die am glücklichsten getroffen sind, bald hat’s die eine, bald die andre; dann verändern wir die Worte bis sie uns recht dünken, machen neue u. s. w. Ja wenn wir recht spielen wollen, machen wir Namen für Menschen, untersuchen, ob diesem oder jenem sein Name gehöre ꝛc. ꝛc.
Das etymologische Spiel beschäftigt schon so viele Menschen, und so gibt es auch uns auf diese heitere Weise viel zu thun. Sobald wir zusammenkommen, wird es wie ein Schachspiel vorgenommen und hunderterlei Combinationen werden versucht, so daß wer uns zufällig behorchte uns für wahnsinnig halten müßte. Auch möchte ich es nur den allernächsten Freunden vertrauen. Genug, es ist das witzigste Spiel von der Welt und übt den Sprachsinn unglaublich.
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