Brief

An Johann Friedrich Reichardt (30. Mai 1791)

Sie haben sich also endlich nach einem gefährlichen Sturm auf ein ruhiges Plätzchen in Sicherheit gesetzt, wozu ich Ihnen von Herzen Glück wünsche. Ich dachte wirklich nicht, daß es noch so gut abgehen würde. Mögen Sie recht lange diese Ruhe genießen. Die Partitur von Erwin u Elmire ist meinen Händen. Das Geld dafür, wie auch für das Te Deum, werde ich Ihnen nächstens überschicken. Die Aufführung jenes Stücks, so wie der Claudine, wird wohl bis auf künftigen Winter anstehen müßen. Wir haben an Gatto, einen treflichen Baßisten und lebhaften Akteur. Übrigens, muß unsere Oper sich noch verbessern. Wißen Sie nicht irgendwo eine Sängerin mit der man Ehre einlegen könnte? Die arme Lebrun ist ihrem Manne bald nachgefolgt. Die beiden Leute habe ich sehr bedauert. Im Ganzen, macht mir unser Theater Vergnügen, es ist schon um vieles besser, als das vorige, u es kommt nur darauf an, daß sie sich zusammen spielen, auf gewiße mechanische Vortheile aufmerksam werden und nach u nach aus dem abscheulichen Schlendrian indem die mehrsten deutschen Schauspieler bequem hinleiern, nach u nach heraus gebracht werden. Ich werde selbst einige Stücke schreiben, mich darinne einigermaßen dem Geschmack des Augenblicks nähern und sehen, ob man sie nach u nach an ein gebundenes, kunstreicheres Spiel gewöhnen kann. Moriz hat mir einige sehr vergnügte Tage gemacht. So krank er wär, so munter und lebhaft, war sein Geist. / Er hat sich in den wenigen Jahren da ich ihn nicht gesehen habe, unglaublich ausgebildet und ist in allen denen Sachen die er unternommen hat, wo nicht am Ziel, doch wenigstens immer auf dem rechten Wege. Ich habe fast alles, was ich sowohl in der Kunst als Naturlehre und Naturbeschreibung vorhabe, mit ihm durchgesprochen und von seinen Bemerkungen manchen Vortheil gezogen. Seine Krankheit und die Kürze der Zeit hat ihn gehindert zu Ihnen zu kommen. Laßen Sie mich bald hören, wie Sie sich in Ihrer neuen Lage befinden. Unter den Arbeiten die mich jetzt am meisten interessiren, ist eine neue Theorie des Lichts, des Schattens u der Farben. Ich habe schon angefangen sie zu schreiben, ich hoffe sie zu Michaëli fertig zu haben. Wenn ich mich nicht betrüge, so muß sie mancherlei Revolutionen sowohl in der Naturlehre als in der Kunst hervorbringen. Beiliegendes Blättchen macht sie auf einen Namen aufmerksam der Ihnen künftig gewiß sehr ehrwürdig seyn wird. Leben Sie wohl. Lips wird etwa in 14. Tagen mit meinem Bildniß fertig seyn. Da er aber nach Kassel gehen muß um es abdrucken zu laßen, so wird sich die Ausgabe deßelben verziehen. Weimar den 30 Mai 1791. Goethe

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