Normalzeugnis Zeugnis
Belagerung von Mainz. 24. 7. 1793 (WA I 33, 307)
Zu Mittag, als alles bei Tisch und Topf beschäftigt und eine große Stille im Lager so wie auf der Chaussee war, fuhren mehrere dreispännige Wagen in einiger Ferne von einander sehr schnell vorbei, ohne daß man sich’s versah und darüber nachsann; doch bald verbreitete sich das Gerücht: auf diese kühne und kluge Weise hätten mehrere Clubbisten sich gerettet. Leidenschaftliche Personen behaupteten, man müsse nachsetzen, andere ließen es bei’m Verdruß bewenden, wieder andere wollten sich verwundern, daß auf dem ganzen Wege keine Spur von Wache, noch Piket, noch Aufsicht erscheine; woraus erhelle, sagten sie, daß man von oben herein durch die Finger zu sehen und alles, was sich ereignen könnte, dem Zufall zu überlassen geneigt sei.
Diese Betrachtungen wurden jedoch durch den wirklichen Auszug unterbrochen und umgestimmt. Auch hier kamen mir und Freunden die Fenster des Chausseehauses zu statten. Den Zug sahen wir in aller seiner Feierlichkeit herankommen. Angeführt durch preußische Reiterei folgte zuerst die französische Garnison. Seltsamer war nichts als wie sich dieser Zug ankündigte; eine Colonne Marseiller, klein, schwarz, buntscheckig, lumpig gekleidet, trappelten heran als habe der König Edwin seinen Berg aufgethan und das muntere Zwergenheer ausgesendet. Hierauf folgten regelmäßigere Truppen, ernst und verdrießlich, nicht aber etwa niedergeschlagen oder beschämt. Als die merkwürdigste Erscheinung dagegen mußte jedermann auffallen, wenn die Jäger zu Pferd heraufritten; sie waren ganz still bis gegen uns herangezogen, als ihre Musik den Marseiller Marsch anstimmte. Dieses revolutionäre Te Deum hat ohnehin etwas Trauriges, Ahnungsvolles, wenn es auch noch so muthig vorgetragen wird; dießmal aber nahmen sie das Tempo ganz langsam, dem schleichenden Schritt gemäß den sie ritten. Es war ergreifend und furchtbar, und ein ernster Anblick, als die Reitenden, lange hagere Männer, von gewissen Jahren, die Miene gleichfalls jenen Tönen gemäß, heranrückten; einzeln hätte man sie dem Don Quixote vergleichen können, in Masse erschienen sie höchst ehrwürdig.
Bemerkenswerth war nun ein einzelner Trupp, die französischen Commissarien. Merlin von Thionville in Husarentracht, durch wilden Bart und Blick sich auszeichnend, hatte eine andere Figur Rieffel in gleichem Costume links neben sich; das Volk rief mit Wuth den Namen eines Clubbisten und bewegte sich zum Anfall. Merlin hielt an, berief sich auf seine Würde eines französischen Repräsentanten, auf die Rache die jeder Beleidigung folgen sollte: er wolle rathen sich zu mäßigen, denn es sei das letztemal nicht, daß man ihn hier sehe. Die Menge stand betroffen, kein Einzelner wagte sich vor. Er hatte einige unserer dastehenden Officiere angesprochen und sich auf das Wort des Königs berufen, und so wollte niemand weder Angriff noch Vertheidigung wagen; der Zug ging unangetastet vorbei.
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