Tagebucheintrag
Reisetagebuch Italien 1786, 3. Oktober 1786
d. 3. Oktbr.
Gestern Abend Oper. a St. Moisé Nichts recht erfreuliches. Esfehlte dem Poem, der Musick, den Ackteurs eine innere Energie,die allein die Sachen auf den höchsten Punckt treiben kann. Eswar alles nicht schlecht, aber auch nur die zwey Weiber liesen sichs angelegen seyn, nicht sowohl gut zu agiren, als sich zu produciren und zu gefallen. Das ist denn immer etwas. Essind schöne Figuren gute Stimmen, artig munter und gätlich.Unter den Männern ist auch dagegen gar nichts, von innererGewalt und Lust dem Publiko was aufzuheften. Auch keine decidirt brillante Stimme.
Das Ballet von elender Erfindung, ward auch ausgepfiffen. Einigeherrliche Springer – und Springerinnen, welche letztere sichsrecht zur Pflicht rechnen, das Publikum mit jedem schönenTheile ihres Körpers bekannt zu machen.
Heut hab ich dagegen eine andre Commödie gesehen, die michmehr gefreut hat. Im herzoglichen Pallast, pläidiren zu hören.
Es war eine wichtige Sache und wurde, auch zu meinen Gunsten,in den Ferien verhandelt.
Der eine Advokate der sprach, war alles was ein Buffo caricato nur seyn sollte. Figur: dick kurz doch beweglich. Ein ungeheuervorspringendes Profil. Eine Stimme wie Erz und eine Hefftigkeit,als wenn es ihm im tiefsten Grund des Herzens Ernst wäre was er sagte. Ich nenn es eine Commödie, weil alles wahrscheinlichschon fertig ist, wenn diese öffentliche Produktion geschieht und die Richter auch schon wissen was sie sprechen wollen.Indeß hat diese Art unendlich viel gutes gegen unsre Stuben undCanzleyhockereyen. Von den Umständen und wie artig ohnePrunck, wie natürlich alles geschieht mündlich.
Abends.
Viel gesehn. Wenig Worte zum Andencken.
p. 565 I Scalzi, Marmor genug und nicht auf die schlimmsteWeise zusammengesetzt; aber nichts von dem hohen Geiste dersich allein in dem unnachahmlichen Maas, Ordnung, Harmonie,spüren läßt.
566 La Salute das mittelste Gefäß worauf der Dom ruht alsHöhe und Breite nicht zu verachten. Aber das Ganze bis in’seinzelne Muster über Muster eines schlechten Geschmacks, eineKirche die Werth ist daß Wunder drinne geschehn.
567. Hochzeit zu Kana. Ein Bild das man aus Kupfern kennt undda schon reitzend ist. Herrliche Frauensköpfe und der abgeschmackteGegenstand eines langen Tisches mit Gästen gar edelbehandelt. Die Deckenstücke von Titian sind zu Deckenstückensehr toll gewählte Gegenstände; doch schön und herrlich ausgeführt.
Isaac, den der Vater beym Schopfe hat, sieht mit niederhängendenHaaren, gar artig gewendet herunter. David, nachdem Goliathliegt, faltet die Hände gar leicht und frei gen Himmel pp.
p. 577. Il Redentore. Ein schönes groses Werck von Palladio.
Die facade viel lobenswürdiger als die von St Giorgio. Es sinddiese Wercke in Kupfer gestochen, wir wollen darüber reden.Nur ein allgemeines Wort. Palladio war so von der Existenz derAlten durchdrungen und fühlte die Kleinheit und Enge seinerZeit, in die er gekommen war, wie ein groser Mensch, der sich nicht hingeben, sondern das Ubrige soviel als möglich nach seinenedlen Begriffen umbilden will. So war er unzufrieden, wieich aus gelinder Wendung seines Buch’s schließe, daß man beyden Kristlichen Kirchen auf der Form der alten Basiliken fortbaute,er suchte die seinigen der Form der alten Tempel zu nähern. Daher entstanden gewiße Unschicklichkeiten die mirbey St. Redentor sehr glücklich überwunden, bey St Giorgioaber zu auffallend scheinen.
Volckmann sagt etwas davon er trifft aber den Nagel nicht aufden Kopf.
Inwendig ist St Redentor auch ganz köstlich. es ist alles, auch dieZeichnung der Altäre von Palladio. Nur die Nischen die mitStatuen augefüllt werden sollten prangen mit aus holz ausgeschnittenGemahlten Figuren.
Dem Hl. Franziskus zu Ehren hatten die PP. Capuc. einen SeitenAltar mächtig ausgeputzt. Man sah nichts vom Stein als dieCorinth. Kapitäle. Alles übrige schien mit einer Geschmackvollen,prächtigen Stickerey, nach art der Arabescken, überzogenund war das artigste was ich in der Art gesehen hatte. Besonders wunderte ich mich über die breite goldegestickte Rancken undLaubwerk. Ich ging näher und fand einen recht hübschen Betrug.Alles was ich für Gold gehalten hatte war breitgedrücktesStroh, in schönen Desseins auf Papir geklebt und der Grund mitlebhaften Farben angestrichen, und das so mannigfaltig und Artig, daß dieser Spas, der an Material keinen Thaler werth war,und den wahrscheinl. einige unter ihnen selbst umsonst ausgeführthaben, mehrere Tausend Thaler müßte gekostet habenwenn er hätte ächt sein sollen. Man kann es gelegentlich nachmachen.
Einen Fehler im weißen und anstreichen dieser Kirchen bemerckeich hier, nur um zu gedencken.
573 Gesuati. eine wahre Jesuiten kirche. Muntre Gemählde vonTiepolo. An den Deckenstücken sieht man an einigen liebenswürdigenHeiligen, mehr als die Waden, wenn mich mein Perspecktiv nicht trügt. Das v. Volckm. angeführte Bild, ist ein albernerGegenstand; aber recht schön ausgeführt.
Vom Herzogl. Pallast den ich heute früh sah sollt ich noch mehrsagen. Vielleicht morgen. Es ist alles im Flug geschossen wie dusiehst. Aber es bleibt in einem feinen Aug und Herzen.
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