Normalzeugnis Zeugnis
Sophie v. La Roche, Schattenrisse S. 60
Bald nach diesem schönen Tage speisten wir bey ihm, und genossen wirklich ein Fest der Seele, wie einst ein Britte sich ausdrückte. – Mich däuchte das Ganze in einer römischen Villa veranstaltet zu seyn, da man gleich in dem Vorhause eine Bildsäule erblickt, und oben vor der ersten Thüre mit dem in großen Buchstaben eingeschriebenen Salve! begrüßt wird, und sich dann mitten zwischen Raphaels Stanzen findet, welche da mit aller Würde behandelt wurden; denn die Aufmerksamkeit wird durch keinen andern Gegenstand zerstreut oder abgezogen. Was sollte auch ein Kenner anders wünschen, als diese herrliche Ausbeute einer Reise nach Rom! – Bald aber kamen wir in ein Zimmer, welches mit der edelsten Simplicität verziert, in schöner, doch kein kaltes Staunen erregender Größe angelegt ist, wie es zu Bewahrung eines Heiligthums der Kunst gefodert werden kann; denn hier sieht man, wenn der, ein wichtiges Geheimniß anzeigende, Vorhang zurück gezogen wird, die vollkommenste Copie des sich seit 1900 Jahren in frischer Farbe erhaltenen Gemäldes, das unter dem Namen der Aldobrandinischen Hochzeit bekannt ist, in welchem der Geschichtschreiber alte Sitte, und der Künstler Vollkommenheit antrifft – Ich genoß und bewunderte mit innerm Gefühl von Glück das Ganze dieses Anblicks, sprach aber hier, wie bey der reichen Sammlung köstlicher Zeichnungen und Bilder des Herrn Professor Meyer, eben so wenig, als ehemals in der prächtigen Düsseldorfer Gallerie ...
Der Eintritt in das Eßzimmer schien mir eine Art Zuruf:
„Alte Baucis! dein scherzender Traum, in Briefen an deinen Neffen Gerning, steht nun als Wahrheit vor dir – du dachtest in Weimar ein Göttermahl nur von der Thürschwelle eines Tempels zu sehen, und bekommst nun selbst einen Antheil von Ambrosia“ – denn die mit Blumen und Früchten aller Art so niedlich verzierte Tafel war gar nicht nach dem gewöhnlichen Geschmack der Gastmahle, und die Gegenwart der Verfasserin der reizenden Agnes von Lilien, die Dichterin der Gesänge von Lesbos, Wieland und Göthe, lauter Lieblinge des Apolls, konnten diese Vermuthung rechtfertigen. Eine aus dem Garten zwischen schönen Gewächsen ertönende Musik und die Erscheinung eines Amorino dienten zum Beweis, daß ich bey einer Art von Götterfest zugelassen war.
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